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Blinder Lehrer : Seine Schüler hat er noch nie gesehen

  • -Aktualisiert am

Weil Lehrer Christof Müller blind ist, müssen die Schüler ihm sagen, wer sich gerade im Geschichtsunterricht meldet. Bild: Cornelia Sick

Blinde Lehrer, die an normalen Schulen unterrichten, sind selten. Dabei zeigen Beispiele, dass es durchaus funktionieren kann. Doch oft fehlt der Mut – auf beiden Seiten.

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          Eigentlich ist es eine ganz gewöhnliche Unterrichtsstunde, die Christof Müller an diesem Tag in der Main-Taunus-Schule in Hofheim abhält. Für den Leistungskurs Geschichte der zwölften Klasse steht die Nachkriegszeit auf dem Lehrplan. Während sich die Schüler Quellentexte durchlesen, geht Müller von Tisch zu Tisch und beantwortet Fragen zu den Texten. Alles recht normal. Bis auf ein entscheidendes Detail. Wie seine Schüler aussehen, weiß der Fünfzigjährige nicht. Bei jeder Frage, die er stellt, muss ihm einer der Schüler sagen, wer sich gerade meldet. Denn Müller ist blind. Und Lehrer an einer Schule für Sehende.

          Damit ist er einer unter wenigen. Offizielle Angaben, wie viele Blinde an Regelschulen unterrichten, gibt es nicht. Nach einer Schätzung des Deutschen Vereins für Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf e.V. sind es nicht mehr als 30. Viele Lehrer, die während ihres Berufslebens erblinden, lassen sich frühpensionieren. Menschen, die von Geburt an blind sind, werden oft gar nicht erst Lehrer.

          Es hätte nicht viel gebraucht und auch Christof Müller hätte vielleicht nie vor einer Klasse gestanden. Als er sich an der Goethe-Universität Frankfurt für ein Theologiestudium einschreiben wollte, stellte sich die Frage: auf Magister oder Lehramt? Müller entschied sich für Lehramt, spontan wählte er Geschichte als zweites Fach. „Eine durch und durch reflektierte Entscheidung war das damals nicht“, sagt Müller heute. Den Entschluss, danach an eine Regelschule zu gehen und nicht etwa an eine Förderschule für Blinde und Sehbehinderte, traf er hingegen sehr bewusst und relativ pragmatisch: Es wäre ihm schlicht zu risikoreich gewesen, später nur an einer der wenigen Blindenschulen unterrichten zu können. Heute arbeitet der gebürtige Hofheimer als Lehrer für Geschichte und Religion mit einer Zweidrittelstelle an dem Gymnasium in seiner Heimatstadt.

          Keine große Einschränkung

          Im Unterricht nimmt er seine Blindheit nicht als große Einschränkung wahr: Tafelanschriebe werden einfach diktiert, durch eine feste Sitzordnung der Schüler fällt die Orientierung leichter. Schwieriger wird es da schon bei der Vorbereitung des Unterrichts und der Korrektur von Klassenarbeiten. Hierfür ist Müller auf Hilfe angewiesen. Jeden Tag setzt er sich für zwei Stunden mit einer von sechs Lesekräften zusammen. Diese hat er sich selbst zusammengesucht; auf 450-Euro-Basis lesen sie ihm die Klassenarbeiten auf Punkt und Komma vor und kopieren mit ihm die Arbeitsblätter für die nächsten Stunden. Die Kosten hierfür bekommt er vom Land Hessen erstattet.

          Im Unterricht ist die Assistenz nicht dabei, das ist von Müller so gewollt. „Ich weiß, dass ich meine Schüler nicht mit den Augen kontrollieren kann – das will ich aber auch nicht“, sagt Müller. Wichtiger sei ihm ein gutes Verhältnis zu seinen Schülern. Dafür müsse immer er der Ansprechpartner sein und nicht seine sehende Assistenz.

          Es klappt also irgendwie. Und doch ist Müller eine Ausnahme. Denn nur wenige Blinde und Sehbehinderte würden überhaupt in den Schuldienst aufgenommen, sagt der Geschäftsführer des Sehbehindertenvereins, Klaus Winger. „Blinde Lehrer können ihrer Aufsichtspflicht nicht ausreichend genügen, wodurch die Schulbehörden Probleme mit der Versicherung bekommen können.“ In Einzelfällen müssten deshalb Lösungen gefunden werden, etwa eine Regelung zur Beaufsichtigung der Schüler unter den Kollegen. Doch nicht in jeder Schule sei das möglich. Eine sehende Assistenz, die ständig im Unterricht dabei ist, wäre wohl keine Lösung. Denn diese müssten die Lehrer selbst bezahlen, da nur die Kosten für die Vor- und Nachbereitung der Stunde übernommen werden, nicht aber für die Kerntätigkeit, also die pädagogische Arbeit mit den Schülern.

          Blinde Studenten brauchen Unterstützung

          Ein anderer Ansatzpunkt könnten die Universitäten sein. Das glaubt zumindest Kurt Jacobs, pensionierter Professor für Sonderpädagogik und selbst blind. „Von den Inhalten in geisteswissenschaftlichen Fächern her gesehen, könnten Blinde an jeder Universität studieren.“ Die entscheidende Frage sei, wie viel Unterstützung die blinden Studenten dabei konkret bekämen, etwa mehr Zeit in Prüfungen. „Dabei muss allerdings die Initiative von den Betroffenen ausgehen, von selbst passiert da nichts“, sagt Jacobs, der Lehrer an einer Berufsschule war, ehe er an die Goethe-Uni wechselte. 27 Jahre lang hat er angehende Lehrer für Sonderschulen ausgebildet, in dieser Zeit seien ihm keine zehn Studenten begegnet, die selbst blind oder sehbehindert waren.

          Dabei ist das Studium gar nicht die größte Hürde auf dem Weg in den Lehrerberuf, wie Werner Wörder feststellen musste, als er vor mehr als 20 Jahren an die Martin-Luther-Schule in Marburg kam. Ursprünglich wollte er gar nicht an eine Schule gehen, sondern an der Uni bleiben. Doch im akademischen Mittelbau war ihm die Gefahr zu groß, seinen Job zu verlieren. „Ich hätte ja auch nicht einfach Taxifahrer werden können, wenn ich arbeitslos geworden wäre“, sagt der 58 Jahre alte Blinde.

          Auf 450-Euro-Basis: Christine Janssen liest Müller Klassenarbeiten vor.

          Und so entschied Wörder sich für den Lehrerberuf an einer Regelschule – und musste für sein Ziel kämpfen. Die Schule war seinerzeit skeptisch, einen blinden Referendar aufzunehmen, der Personalrat, so erfuhr der Achtundfünfzigjährige später, sprach sich denkbar knapp für ihn aus. „Es gab damals eine Menge Widerstände und Ängste.“ Die sich auch in den ersten Monaten an der neuen Schule nicht legten. „Ich würde nicht sagen, dass mich die anderen Lehrer im ersten halben Jahr ignoriert haben, aber es war doch eine gewisse Distanz da“, sagt Wörder im Nachhinein.

          „Wenn man Inklusion will, gibt es Wege“

          Mit den Schülern sei es da einfacher gewesen. Und das sei es auch heute noch. Die Jugendlichen reagierten unbefangen auf seine Blindheit, „die haben da keine Bedenken“, sagt Wörder, der seit mehreren Jahren an seiner Schule als Vertrauenslehrer etwa Ansprechpartner bei Streitigkeiten und persönlichen Problemen ist. Einem vertrauensvollen Verhältnis zu seinen Schülern steht seine Blindheit nicht im Wege. Aber auch auf Schonung wegen seines Handicaps darf er nicht hoffen. „Wenn die Schüler sich ungerecht behandelt fühlen, dann bekomme ich das zu spüren, wie jeder andere Kollege auch.“ Neben seinem Unterricht in Marburg engagiert Wörder sich auch beim Sehbehindertenverein, unterstützt dort andere Betroffene. Dabei hofft er auch, ein motivierendes Beispiel für andere Blinde zu sein, die in den Lehrerberuf wollen: „Im Idealfall sollen diese Leute sehen: Es geht woanders, warum soll es dann nicht auch bei uns klappen.“

          Auch Kurt Jacobs hofft, dass es irgendwann mehr blinde Lehrer an Regelschulen gibt. Letztendlich stehe und falle dies aber mit der Bereitschaft aller Beteiligten, sich entschieden dafür einzusetzen: „Wenn man Inklusion will, gibt es Wege.“

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