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Blinder Lehrer : Seine Schüler hat er noch nie gesehen

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Blinde Studenten brauchen Unterstützung

Ein anderer Ansatzpunkt könnten die Universitäten sein. Das glaubt zumindest Kurt Jacobs, pensionierter Professor für Sonderpädagogik und selbst blind. „Von den Inhalten in geisteswissenschaftlichen Fächern her gesehen, könnten Blinde an jeder Universität studieren.“ Die entscheidende Frage sei, wie viel Unterstützung die blinden Studenten dabei konkret bekämen, etwa mehr Zeit in Prüfungen. „Dabei muss allerdings die Initiative von den Betroffenen ausgehen, von selbst passiert da nichts“, sagt Jacobs, der Lehrer an einer Berufsschule war, ehe er an die Goethe-Uni wechselte. 27 Jahre lang hat er angehende Lehrer für Sonderschulen ausgebildet, in dieser Zeit seien ihm keine zehn Studenten begegnet, die selbst blind oder sehbehindert waren.

Dabei ist das Studium gar nicht die größte Hürde auf dem Weg in den Lehrerberuf, wie Werner Wörder feststellen musste, als er vor mehr als 20 Jahren an die Martin-Luther-Schule in Marburg kam. Ursprünglich wollte er gar nicht an eine Schule gehen, sondern an der Uni bleiben. Doch im akademischen Mittelbau war ihm die Gefahr zu groß, seinen Job zu verlieren. „Ich hätte ja auch nicht einfach Taxifahrer werden können, wenn ich arbeitslos geworden wäre“, sagt der 58 Jahre alte Blinde.

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Und so entschied Wörder sich für den Lehrerberuf an einer Regelschule – und musste für sein Ziel kämpfen. Die Schule war seinerzeit skeptisch, einen blinden Referendar aufzunehmen, der Personalrat, so erfuhr der Achtundfünfzigjährige später, sprach sich denkbar knapp für ihn aus. „Es gab damals eine Menge Widerstände und Ängste.“ Die sich auch in den ersten Monaten an der neuen Schule nicht legten. „Ich würde nicht sagen, dass mich die anderen Lehrer im ersten halben Jahr ignoriert haben, aber es war doch eine gewisse Distanz da“, sagt Wörder im Nachhinein.

„Wenn man Inklusion will, gibt es Wege“

Mit den Schülern sei es da einfacher gewesen. Und das sei es auch heute noch. Die Jugendlichen reagierten unbefangen auf seine Blindheit, „die haben da keine Bedenken“, sagt Wörder, der seit mehreren Jahren an seiner Schule als Vertrauenslehrer etwa Ansprechpartner bei Streitigkeiten und persönlichen Problemen ist. Einem vertrauensvollen Verhältnis zu seinen Schülern steht seine Blindheit nicht im Wege. Aber auch auf Schonung wegen seines Handicaps darf er nicht hoffen. „Wenn die Schüler sich ungerecht behandelt fühlen, dann bekomme ich das zu spüren, wie jeder andere Kollege auch.“ Neben seinem Unterricht in Marburg engagiert Wörder sich auch beim Sehbehindertenverein, unterstützt dort andere Betroffene. Dabei hofft er auch, ein motivierendes Beispiel für andere Blinde zu sein, die in den Lehrerberuf wollen: „Im Idealfall sollen diese Leute sehen: Es geht woanders, warum soll es dann nicht auch bei uns klappen.“

Auch Kurt Jacobs hofft, dass es irgendwann mehr blinde Lehrer an Regelschulen gibt. Letztendlich stehe und falle dies aber mit der Bereitschaft aller Beteiligten, sich entschieden dafür einzusetzen: „Wenn man Inklusion will, gibt es Wege.“

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