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Blinde Studenten : Ach, Sie können lesen?

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Barrierefrei: Die Uni Marburg tut viel für behinderte Studenten. In den Köpfen muss sich aber noch einiges ändern. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Für blinde Studenten gibt es viele Hilfen, die den Uni-Alltag erleichtern. Zu schaffen machen ihnen ignorante Mitmenschen - und gutgemeinte Bevormundung.

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          Bilder, nichts als Bilder. Sie rauschen an mir vorbei, der Projektor summt, der Dozent gibt knappe Erläuterungen. Ich fühle mich wie in einem Stummfilm, es fehlt nur noch die passende Klaviermusik.

          Ich sitze ganz vorne im Hörsaal, vermutlich mit einer äußerst guten Sicht auf den Dozenten und seine Präsentation. Trotzdem ist mir schon seit den ersten Minuten klar, dass ich aus dieser Geschichtsvorlesung nichts mitnehmen werde. Die Ausführungen haben für mich keinen Sinn, immer fehlt etwas. Man müsste die Bilder sehen können.

          Mal bestaunt, mal wie ein rohes Ei behandelt

          Ich bin Student und blind. Üblicherweise ernte ich damit bei Sehenden verwunderte, ungläubige Reaktionen: Dass ich wie ein normaler Mensch lesen und schreiben kann, wird mir noch gerade so zugetraut - da gibt es doch so eine Blindenschrift. „Ach, Sie können lesen?“ Diese völlig ernstgemeinte Frage an einen erwachsenen Studenten muss ich mir glücklicherweise nur noch sehr selten gefallen lassen. Aber einen Computer bedienen, das sei für mich doch unmöglich. Unmöglich heißt in dem Fall, für den Normalsehenden nicht vorstellbar. Es macht mir Angst, wie tief diese Ignoranz in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, denn letztlich wird es auch maßgeblich von der Vorstellungskraft solcher Leute abhängen, ob ich später einen Job bekomme.

          Als Blinder wird man mal bestaunt, mal wie ein rohes Ei behandelt. Auch im Uni-Alltag. Mit rund 150 sehbehinderten Studenten ist die Universität Marburg die deutsche Hochschule mit der höchsten „Blindenquote“. In Marburg ist auch die Deutsche Blindenstudienanstalt beheimatet, das größte deutsche Blindengymnasium. Viele Absolventen dieser Schule bleiben nach ihrem Abitur zum Studium in Marburg. Sie kennen sich in der Stadt aus, die sehr blindengerecht ist. Viele hoffen an der Marburger Uni auch auf weniger Berührungsängste und mehr Akzeptanz. Häufig ist das auch so, vor allem die älteren Dozenten wissen, dass es oft nur Kleinigkeiten sind, die uns das Leben ein großes Stück erleichtern.

          Pünktchen, auf denen das Studium basiert

          Vor allem in den Geisteswissenschaften sind blinde Studenten im Hörsaal ein alltägliches Bild. Ich genieße es, die Uni-Veranstaltungen als einer unter vielen zu besuchen: nicht als blinder Student, sondern als ein Student, der eben auch blind ist und genauso gut oder schlecht mitarbeitet wie alle anderen. Dass ich mich dafür spezieller Hilfsmittel bediene, schafft aber eine gewisse Distanz, und nicht immer gelingt es mir, diese Kluft zu überbrücken. Mache ich mir während einer Vorlesung mit meinem mobilen Organizer Notizen, verstehe ich natürlich, dass meine Sitznachbarn neugierig auf das Gerät schauen. Gerne erkläre ich ihnen dann das taschenbuchgroße Hilfsmittel und zeige ihnen, wie ich mit der integrierten Textverarbeitung schreibe und lese.

          Besonders fasziniert sind meine Kommilitonen von der Zeile unten an meinem Organizer, auf der winzige weiße Nägelchen auf und ab fahren und die von mir eingegebenen Notizen tastbar darstellen. Brailleschrift, die von dem blinden Franzosen Louis Braille entwickelte Blindenschrift, besteht aus sechs erhabenen Punkten, die je nach ihrer Anordnung die unterschiedlichen Buchstaben darstellen. Letztlich sind es diese unscheinbaren Pünktchen, auf denen mein Studium basiert.

          Servicestelle der Uni berät

          Was passiert aber, wenn es für mich keine Notizen zu machen gibt, weil ich dem Inhalt der Vorlesung nicht folgen kann? Es ist frustrierend, aber ich kann auch verstehen, dass sich manche Themen nur schwer ohne Bildmaterial vermitteln lassen. Als die Vorlesung endet, gehe ich direkt auf den Dozenten zu, schildere ihm mein Problem und bitte ihn, Bilder in Zukunft so zu beschreiben, dass man sie nicht vor Augen haben muss. Der Dozent ist sehr zugänglich für mein Anliegen. Gerne möchte er mehr darüber erfahren, wie er seine Lehrinhalte blindengerecht vermitteln kann.

          Glücklicherweise kann ich ihm für seine Fragen die richtige Anlaufstelle nennen: Die Servicestelle für behinderte Studierende an der Uni Marburg unterstützt und berät bei allen Fragen, die sich in einem Studium mit Handicap ergeben können. Für die Lehrenden bearbeitet sie Texte und andere Materialien so, dass sie für Blinde und Sehbehinderte zugänglich werden - durch das Übertragen in Punktschrift oder in ein gut strukturiertes Word-Dokument. Das Angebot der Servicestelle richtet sich aber auch an Studenten, wobei sie sich nicht auf Sehschädigungen beschränkt. Auch Hör- und Körperbehinderte finden dort Unterstützung. Für blinde Studenten hat die Stelle die wichtigsten Fachbereiche mit blindengerechten Computerarbeitsplätzen ausgestattet.

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