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Vereinsnachwuchs gesucht : Musik unter anderen Vorzeichen

Tonangebend: Die Jugend-Brassband des Oberurseler Karnevalvereins Frohsinn übt zwei Mal die Woche. Bild: Wolfgang Eilmes

Blasorchester tun sich schwer, das Kreismusikfest im Hochtaunus ist ausgefallen. Um Nachwuchs zu gewinnen, kommt es nicht allein auf die Musikauswahl an.

          Es ist ein Stück mit hohem Wiedererkennungswert, das auf die Tanzfläche zieht. Selbst wenn einem der Name nicht mehr geläufig ist. Die eingängige Melodie von „Narcotic“, mit der die deutsche Band Liquido vor einigen Jahren die Charts stürmte, führt auch mundgeblasen zu spontanem Kopfnicken. Statt aus dem Synthesizer erklingt sie im Vereinshaus des Oberurseler Karnevalvereins Frohsinn aus Trompeten, Tenorhörnern und Posaunen. Wie das Lied entsprechen auch die Musikanten nicht dem, was man spontan mit dem Wort „Blaskapelle“ verbinden würde. Nur wenige sind dem Teenager-Alter entwachsen, unter den 16 Jugendlichen sind sechs Mädchen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Jugend-Brassband ist nur eines von drei Ensembles des KV Frohsinn Oberursel. Noch früher, im Alter von sechs bis zehn Jahren, geht es mit den „Drumkids“ los. „Dort sollen sie Rhythmusgefühl entwickeln“, sagt Robert Neitzel, der seit drei Jahren die Jugend-Brassband leitet. Die Älteren wiederum wechseln in die „große Brassband“. Wobei die Übergänge fließend sind. Michèle Setzepfand spielt zwar seit sechs Jahren in der regulären Brassband Trompete. Doch die 21 Jahre alte angehende Krankenschwester ist bei den Übungsstunden der Jugendband dabei und unterrichtet die Jüngeren in den Stimmproben am Instrument. Denn die meisten lernen erst im Verein, Posaune oder Trompete zu spielen.

          Suche nach Lösungen für Kreismusikfest

          Über so viele junge Leute können sich nicht alle Blasmusik-Ensembles freuen. Der Hochtaunuskreis musste im Oktober zum ersten Mal seit 30 Jahren das Kreismusikfest absagen, zu dem traditionell Musik- und Fanfarenzüge, Posaunenchöre, Jagdhornbläser und Brassbands aus dem ganzen Hochtaunus zusammenkommen. Es gab nur eine Handvoll Anmeldungen. Noch 2012 waren 22 Gruppen dabei, die sich von morgens um 10 Uhr bis in den späten Nachmittag hinein auf der Bühne ablösten. „Dabei lag der Termin diesmal außerhalb der Herbstferien“, sagt Gregor Maier, Leiter des Fachbereichs Kultur beim Hochtaunuskreis. Das sei eigentlich eine gute Voraussetzung gewesen.

          Maier will sich im Januar mit Vertretern der Vereine treffen, um über die Zukunft des Musikfests zu reden. Vielleicht müsse man das Format überdenken und zum Beispiel auf den Nachmittag beschränken, so eine Überlegung. „Eine Auswahl für eine überschaubare Konzertdauer zu treffen hat sich zum Beispiel beim Konzert der Schulen bewährt.“ Aber der Fachbereichsleiter weiß auch, dass es die Blasmusik generell nicht leicht hat. „Die Anmeldezahlen in den vergangenen Jahren waren rückläufig.“

          Eine feste Bank bei den Kreismusikfesten ist der Fanfarenzug Hundstadt, der 2018 Ausrichter gewesen wäre. „Das ist eigentlich immer eine schöne Gelegenheit, um zum Jahresabschluss andere zu treffen“, sagt der Vereinsvorsitzende Thomas Kinnett. Hundstadt ist ein Ortsteil von Grävenwiesbach am nördlichen Rand des Landkreises, und der Fanfarenzug sorgt dort nicht nur für Musik. Zu den 40 aktiven Spielleuten kommen bis zu 14 Gardetänzerinnen. Am Wochenende beginnt die Kampagne des „Flotten Elfers“, der zum 1964 gegründeten Verein gehört und die Fastnachtssitzungen im Ort organisiert.

          Immer weniger aktive Vereinsmusiker in Hessen

          Natürlich sind nicht immer alle Aktiven da. Aber auf die richtigen Leute an den entscheidenden Stellen kommt es an. Kinnett ist stolz, dass die drei Ausbilder aus den eigenen Reihen stammen. So wie der musikalische Leiter Jörg Glaser, der früher Tanzmusik gemacht hat und weiß, dass man beim Repertoire flexibel sein muss. „Es ist klar, dass die Älteren andere Vorlieben haben als die Jüngeren. Wir spielen ,Highway To Hell‘ ebenso wie ,Auf der Vogelwiese‘.“ Wie bei vielen Vereinen ist die familiäre Prägung für die Nachwuchssuche wichtig. Glasers Sohn Thomas kümmert sich als Jugendwart um die Schlagwerkausbildung. Er weiß: „Man muss die Kinder früh einbinden, damit sie nicht die Lust verlieren.“ Die Auftritte in den schwarz-weißen Uniformen mit dem breitkrempigen Hut machen Eindruck. Und bei einem Fastnachtszug gibt es einfach das meiste Publikum.

          Gegen allgemeine Trends, die Vereinen die Arbeit erschweren, ist auch der Fanfarenzug Hundstadt machtlos. „Ich plane meinen Urlaub nach dem Verein, der kommt bei Jugendlichen nicht an erster Stelle“, sagt der Vorsitzende Kinnett. Und Arbeitszeiten im Einzelhandel bis 22 Uhr schränkten die Zeit für abendliche Proben ein. Für ein attraktives Vereinsleben hingegen lässt sich etwas tun. „Bei einem Probenwochenende kommen die Generationen ins Gespräch“, sagt Jörg Glaser. Ein Grillfest oder Vereinsfahrten seien für den Zusammenhalt wichtig. Aber auch Kritik muss möglich sein. „Wir haben vor zwei Jahren bei der Spielerversammlung Gelegenheit zur offenen Diskussion gegeben“, sagt Thomas Glaser. „Jeder konnte Wünsche und Ideen äußern oder sagen, was gut und weniger gut läuft.“ Das sei sehr gut angekommen.

          Aus der Puste: Viele Blasorchester tun sich schwer, Nachwuchsmusiker zu finden.

          Was die Bedeutung der Blasmusik angeht, ist Hessen wie auf der Landkarte in einer mittleren Position. „Es gibt in Deutschland ein Gefälle von Südwest nach Nordost“, sagt Nicolas Ruegenberg, Geschäftsführer des Hessischen Musikverbands. In ganz Mecklenburg-Vorpommern gebe es vielleicht 30 Orchester, so viele wie allein im Main-Kinzig-Kreis. In Bayern und Baden-Württemberg seien die Kapellen hingegen viel weiter verbreitet als hier, aber auch die Förderung des Landes betrage ein Vielfaches im Vergleich zu Hessen. Im Hessischen Musikverband sind 350 Musikvereine mit 15.000 aktiven Musikern und 54.000 Mitgliedern organisiert. Tendenz fallend. „Jedes Jahr nimmt die Zahl der Orchester um zwei bis drei Prozent ab“, hat Ruegenberg festgestellt. „Immer mehr fallen unter die Spielfähigkeit, das ist besorgniserregend.“

          Erfahrungen und Innovationen

          Der Verband unterstützt, indem er Zuschüsse weiterleitet, musikalische Ausbildung anbietet, die auch Dirigieren, Arrangement und Konzertmoderation umfasst, und über bürokratischen Hürden wie die Datenschutzverordnung hilft. Der Geschäftsführer rät Vereinen zu einer guten Jugendarbeit, aber auch einer besseren Werbung für Konzerte. Kontakte zur Politik seien ebenfalls wichtig, etwa durch eine Schirmherrschaft. „Es ist immer besser, wenn man sich kennt.“

          Aus den Konzertprogrammen lasse sich ebenfalls viel machen. Ruegenberg, der klassische Komposition studiert hat, kennt dafür positive Beispiele. „Ich fand die Konzerte oft innovativer als viele klassische.“ Die ironisch gemeinte Aufführung von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ durch ein Blockflötenensemble eingeschlossen.

          Eine Erfahrung des Verbands ist, dass Vereine sich mit guter Arbeit zu regionalen Zentren entwickeln können. So spielen beim Fanfarenzug Hundstadt Musiker aus dem ganzen Usinger Land. Einen Namen hat sich auch der Fanfarenzug Königstein gemacht, und zwar mit der „Mushoba“, der Musik- und Showband. „Wir haben viele Mitglieder aus dem weiteren Umkreis und eigentlich kaum Königsteiner“, sagt Schriftführerin Carmen Perez Costa.

          Ende eines Traditionsvereins?

          Ihr Eindruck ist, dass viele Eltern ihre Kinder lieber in der teuren Musikschule anmelden als in einem Musikverein, wo sie sich vielleicht auch selbst engagieren müssten. Die „Mushoba“ hat darauf reagiert, dass sich für eine Marschformation auf der Straße nicht genug Aktive finden. „Wir haben eine Bühnenshow entwickelt, die ist einmalig“, sagt Perez Costa.

          Bei allen unterschiedlichen Voraussetzungen eint die Fanfarenzüge und Gruppen, ob in Hundstadt, Oberursel oder Königstein, die Suche nach Nachwuchs. Bei den Wiesbachtaler Musikanten schien es dafür zu spät zu sein. Von einer Aufgabe des Traditionsvereins im Wehrheimer Ortsteil Pfaffenwiesbach war vor einem Jahr zu lesen. Der Vorsitzende Gerhard Erker, der diese Position schon früher einmal für 26 Jahre lang innehatte, widerspricht heftig. „Es wäre Blödsinn, den Verein sterben zu lassen.“ Allerdings gebe es mehr Aktive jenseits der 70 Jahre als in den Fünfzigern. „Wir werden immer älter, mit dem Nachwuchs sieht es miserabel aus.“ Damit täten sich aber auch andere Vereine wie die Chöre schwer.

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          Den Wiesbachtalern helfen bei kleineren Konzerten Musiker aus Wernborn oder Anspach aus. Für die Übungsstunde mit sechs oder sieben Leuten könne man allerdings keinen Dirigenten für 400 Euro im Monat engagieren. „Aber ein paar Jahre geht es noch weiter“, hofft Erker.

          Junge Musiker mit vielen Interessen

          Während der Vorsitzende der Wiesbachtaler Musikanten mit „Amizeugs“ wie Glenn Miller nichts anfangen kann, scheidet dieser auch für den Leiter der Oberurseler Jugend-Brassband aus – aber unter umgekehrten Vorzeichen. Die Jugendlichen bekomme man eher mit modernen Stücken, die Robert Neitzel selbst arrangiert. Hört man sich unter den jungen Leuten in der Probe um, liegt auch hier die Musik oft im Blut: „Mein Papa hat die Trommel beim Frohsinn gespielt“, sagt der elf Jahre alte Nils an der Posaune. Auch Trompeterin Lea, 16 Jahre alt, ist über Schwester und Onkel dazu gekommen, die in der großen Brassband spielen. Jemand wie Moritz ist eher die Ausnahme. Der Zehnjährige hat zu Hause Unterricht an der Snare Drum, wie die Marschtrommel heute als Bestandteil des Schlagzeugs üblicherweise heißt, und lernte die Brassband im Musikunterricht kennen. „Da habe ich im Internet nachgeschaut, wann die proben.“

          Im Oberurseler Vereinsheim zeigt sich, dass es am Engagement der Jugendlichen nicht mangelt. Im Gegenteil: Wer ein Instrument spielt, hat oft auch andere Interessen. „Einige Kinder kommen nur zu einer der zwei wöchentlichen Proben, weil sie bei der Feuerwehr sind“, hat Trompeten-Ausbilderin Michèle Setzepfand festgestellt. Und Felix Keller, der sich um die „Drumkids“ kümmert, ist selbst das beste Beispiel. Er ist seit elf Jahren beim Frohsinn dabei, daneben aber aktiver Rettungsschwimmer und Ausbilder bei der DLRG. Außerdem spielt er mit einer eigenen Band Punk und Heavy Metal. Kein Wunder, wenn der Achtzehnjährige über die Musikauswahl der Jugend-Brassband sagt: „Das breite Spektrum ist schon o.k.“

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