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Vereinsnachwuchs gesucht : Musik unter anderen Vorzeichen

Immer weniger aktive Vereinsmusiker in Hessen

Natürlich sind nicht immer alle Aktiven da. Aber auf die richtigen Leute an den entscheidenden Stellen kommt es an. Kinnett ist stolz, dass die drei Ausbilder aus den eigenen Reihen stammen. So wie der musikalische Leiter Jörg Glaser, der früher Tanzmusik gemacht hat und weiß, dass man beim Repertoire flexibel sein muss. „Es ist klar, dass die Älteren andere Vorlieben haben als die Jüngeren. Wir spielen ,Highway To Hell‘ ebenso wie ,Auf der Vogelwiese‘.“ Wie bei vielen Vereinen ist die familiäre Prägung für die Nachwuchssuche wichtig. Glasers Sohn Thomas kümmert sich als Jugendwart um die Schlagwerkausbildung. Er weiß: „Man muss die Kinder früh einbinden, damit sie nicht die Lust verlieren.“ Die Auftritte in den schwarz-weißen Uniformen mit dem breitkrempigen Hut machen Eindruck. Und bei einem Fastnachtszug gibt es einfach das meiste Publikum.

Gegen allgemeine Trends, die Vereinen die Arbeit erschweren, ist auch der Fanfarenzug Hundstadt machtlos. „Ich plane meinen Urlaub nach dem Verein, der kommt bei Jugendlichen nicht an erster Stelle“, sagt der Vorsitzende Kinnett. Und Arbeitszeiten im Einzelhandel bis 22 Uhr schränkten die Zeit für abendliche Proben ein. Für ein attraktives Vereinsleben hingegen lässt sich etwas tun. „Bei einem Probenwochenende kommen die Generationen ins Gespräch“, sagt Jörg Glaser. Ein Grillfest oder Vereinsfahrten seien für den Zusammenhalt wichtig. Aber auch Kritik muss möglich sein. „Wir haben vor zwei Jahren bei der Spielerversammlung Gelegenheit zur offenen Diskussion gegeben“, sagt Thomas Glaser. „Jeder konnte Wünsche und Ideen äußern oder sagen, was gut und weniger gut läuft.“ Das sei sehr gut angekommen.

Aus der Puste: Viele Blasorchester tun sich schwer, Nachwuchsmusiker zu finden.

Was die Bedeutung der Blasmusik angeht, ist Hessen wie auf der Landkarte in einer mittleren Position. „Es gibt in Deutschland ein Gefälle von Südwest nach Nordost“, sagt Nicolas Ruegenberg, Geschäftsführer des Hessischen Musikverbands. In ganz Mecklenburg-Vorpommern gebe es vielleicht 30 Orchester, so viele wie allein im Main-Kinzig-Kreis. In Bayern und Baden-Württemberg seien die Kapellen hingegen viel weiter verbreitet als hier, aber auch die Förderung des Landes betrage ein Vielfaches im Vergleich zu Hessen. Im Hessischen Musikverband sind 350 Musikvereine mit 15.000 aktiven Musikern und 54.000 Mitgliedern organisiert. Tendenz fallend. „Jedes Jahr nimmt die Zahl der Orchester um zwei bis drei Prozent ab“, hat Ruegenberg festgestellt. „Immer mehr fallen unter die Spielfähigkeit, das ist besorgniserregend.“

Erfahrungen und Innovationen

Der Verband unterstützt, indem er Zuschüsse weiterleitet, musikalische Ausbildung anbietet, die auch Dirigieren, Arrangement und Konzertmoderation umfasst, und über bürokratischen Hürden wie die Datenschutzverordnung hilft. Der Geschäftsführer rät Vereinen zu einer guten Jugendarbeit, aber auch einer besseren Werbung für Konzerte. Kontakte zur Politik seien ebenfalls wichtig, etwa durch eine Schirmherrschaft. „Es ist immer besser, wenn man sich kennt.“

Aus den Konzertprogrammen lasse sich ebenfalls viel machen. Ruegenberg, der klassische Komposition studiert hat, kennt dafür positive Beispiele. „Ich fand die Konzerte oft innovativer als viele klassische.“ Die ironisch gemeinte Aufführung von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ durch ein Blockflötenensemble eingeschlossen.

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