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Helmut Schwan (hs.)

Kommentar : Neujahrsnacht hinterlässt bitteren Nachgeschmack

  • -Aktualisiert am

Einsatz: Die Polizei zeigte am Frankfurter Mainufer und auf dem Eisernen Steg an Silvester starke Präsenz Bild: Rainer Wohlfahrt

Es gehört zu einem freien Land, zum Jahreswechsel zu feiern, wo es einem beliebt, wenn man denn ein Aufenthaltsrecht im Land hat. Aber die Gemeinschaft muss auch eine entsprechende Atmosphäre schaffen dürfen.

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          Selbst wenn es - nach Stand gestern - diesmal kaum Übergriffe gab: Die Neujahrsnacht in Frankfurt hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Von einer unbeschwerten Feier konnte keine Rede sein, zumindest nicht an der Traditionsstätte, am Mainufer. In der weiträumig abgesperrten Sicherheitszone herrschte eine Stimmung zwischen gespannter Erwartung und Angst. Die Hoffnung, durch die Kontrollen könnte dort ein netter Jahresausklang mit der ganzen Familie möglich werden, wie sie Frankfurts Sicherheitsdezernent Frank ausmalte, erwies sich als Illusion. Nur ganz wenige Eltern mit Kindern waren unterwegs, nur vereinzelt sah man junge Frauen, die sich allein an den Main trauten. Die Sicherheitszone war für 30 000 Menschen ausgelegt, es kamen nach Schätzungen der Polizei nur 5000. Früher waren es an die 100 000, die am Flussufer das neue Jahr begrüßten.

          Nun könnte man sagen, dass keine rechte Silvesterlaune aufkam, lag an der allgemeinen Terrorgefahr und vor allem an dem großen Aufgebot der Polizei. Das hieße aber nach den Erfahrungen des Vorjahres, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Es blieb eingedenk der Dutzende sexuelle Angriffe auf Frauen, bei denen die Täter nicht ermittelt werden konnten, gar nichts anderes übrig, als durch Kontrollen und eine hohe Präsenz von Polizisten zu verhindern, dass sich das wiederholt.

          Wie in Köln waren auch in Frankfurt wieder viele große Gruppen junger Männer unterwegs. Wie hoch der Anteil derer war, die wie die mutmaßlichen Täter aus dem Jahr zuvor aus Nordafrika stammen, vermag niemand seriös zu sagen. Das spielt eigentlich auch keine Rolle. Nicht mit politischer Korrektheit wegdiskutieren lässt sich jedenfalls: Im Chaos, das zeitweise an den Kontrollstellen und an Mitternacht auf den Brücken oder dem Römerberg herrschte, bestimmten diese Gruppen das für viele bedrohliche Szenario.

          Es gehört zu einem freien Land, zum Jahreswechsel zu feiern, wo es einem beliebt, wenn man denn ein Aufenthaltsrecht im Land hat. Auch darf sich jeder über soziale Netzwerke verabreden, zusammen Zug und Bus fahren und gemeinsam auf öffentliche Plätze gehen.

          Aber der Gemeinschaft, die das alles zugesteht, muss auch möglich sein, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der liebgewonnene Rituale unbeschwert begangen werden können. Es hat nichts mit „racial profiling“ zu tun, diejenigen stärker zu kontrollieren, von denen nach kriminologischen Erfahrungen zu befürchten ist, dass sie Regeln und Gesetze missachten. Was tatsächlich ein Polizeistaat ist, das wissen viele von ihnen besser.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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