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Nachwuchsmangel im Bistum : Wenn im Pfarrhaus kein Licht mehr brennt

  • -Aktualisiert am

Helfer in der Not: Pfarrer Christoph Rödig ist vorübergehender Administrator in der Somborner St.-Anna-Gemeinde. Bild: Rainer Wohlfahrt

Im Juli verlor das Bistum Fulda unerwartet gleich drei Pfarrer – zwei an die Liebe, einen an den Tod. Für die Gemeinden ist das nicht einfach.

          Seit dem 18. Juli ist es dunkel im Pfarrhaus in Somborn. Die Wohnung von Pfarrer Ulrich Schäfer gleich neben der St.-Anna-Kirche steht seit dem unerwarteten Tod des Fünfzigjährigen leer. „Ein verwaistes Pfarrhaus, das kann man sich hier gar nicht richtig vorstellen“, sagt Alois Klein, der Vorsitzende des Verwaltungsrats. In den vergangenen Monaten hatte er viel zu tun. „Wir haben alle erst mal funktioniert, weil es nötig war“, berichtet Christoph Rödig, der Pfarrer der Nachbargemeinden. Noch am Todestag Schäfers wurde er vom Bistum Fulda als vorübergehender Administrator eingesetzt. Vor zehn Jahren war Rödig Kaplan in Somborn und der Partnergemeinde Hasselroth gewesen, ein Glücksfall. Denn so übernahm in dieser schwierigen Zeit jemand die Leitung, der die Gemeindemitglieder und die Abläufe kennt.

          „St. Anna ist ein großer Arbeitgeber, es musste irgendwie weitergehen“, sagt Pfarrer Rödig. 80 Leute arbeiten in der Pflegestation, im Kindergarten, im Pfarrbüro und in der Bücherei. Dazu kommen etwa 300 Ehrenamtliche, die sich um die Messdiener, die Firm- und Kommunionkinder, die Chöre und viele andere Gruppen kümmern. Bei Pfarrer Schäfer war bis dahin alles zusammengelaufen. „Man merkte plötzlich, was er alles erledigt hat“, sagt Philipp Betz, der nach Schäfers Tod mit Unterstützung der Gruppenleiterrunde die Messdienerarbeit übernahm. „Strukturell kann man vieles auffangen, für die Seelsorge fehlt aber einfach jemand.“

          „Sie waren alle sofort bereit, auszuhelfen“

          Knapp zehn Messen müssen jede Woche besetzt werden. Hinzu kommen Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten. „Wir sind hier Gott sei Dank in der Situation, dass wir viele pensionierte Priester in der Nähe haben“, berichtet Verwaltungsratsmitglied Klein. „Sie waren alle sofort bereit, auszuhelfen.“

          Verwaist: die leerstehende Kirche in Somborn

          Wie es weitergehen wird, weiß die Gemeinde noch nicht. Gerüchte gibt es viele, Informationen dagegen kaum. Die Gemeindevertreter haben sich schon Gedanken gemacht. „Eigentlich wollen wir einen neuen Pfarrer“, sagt Klein. Die Stellenausschreibung des Bistums sieht jedoch eine Zusammenlegung von Hasselroth, Somborn und Rödigs Gemeinden, Neuses und Horbach, vor. Damit wäre der Pfarrer dieser großen Gemeinde für etwa 7000 Katholiken zuständig. Rödig hat sich auf die Stelle beworben. Ihm würde dann noch ein weiterer Priester helfen. Dennoch wäre das Ganze eine große Herausforderung. Rödig sagt: „Ich weiß auch noch nicht genau, wie das funktionieren wird.“

          Nicht länger zölibatär leben

          St. Anna ist nicht die einzige Gemeinde, die sich mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert sieht. Auch das Pfarrhaus von St. Bonifatius in Schlüchtern steht seit Mitte Juli leer: Pfarrer Lech Kowalewski wollte nicht länger zölibatär leben und beendete seinen Dienst in der katholischen Kirche. Doch auch die Mitglieder der Bonifatiusgemeinde hatten Glück, denn aus dem Orden der Salesianer Don Boscos, der in Sinntal ein Jugendhilfezentrum unterhält, wurde ihnen Pater Clemens geschickt.

          „Das hat sich alles innerhalb von wenigen Tagen abgespielt“, erinnert sich Matthias Lergemüller, der Sprecher des Pfarrgemeinderats. Aus der Presse erfuhren die Gemeindemitglieder an einem Donnerstag, dass ihr Pfarrer sie verlassen werde. Am darauffolgenden Sonntag wurde in der Messe verkündet, dass nun Pater Clemens das Amt bis Januar übernehmen werde. „Das war ein tolles Krisenmanagement“, sagt Lergemüller und lobt den im Bistum für Personalangelegenheiten zuständigen Prälaten Christof Steinert. Vielleicht komme nach Pater Clemens wieder jemand aus dem Orden nach Schlüchtern, das Bistum sei mit den Brüdern im Gespräch, teilt Steinert mit.

          Entdeckung der weltlichen Liebe

          Mitte Juli kam im Bistum Fulda noch ein dritter Fall hinzu. Auch der Pfarrer der Gemeinde St. Peter in Petersberg und St. Paulus in Ziehers-Nord, Jan Kremer, entdeckte die weltliche Liebe – und entschloss sich, das Zölibat aufzugeben. An seiner Stelle hilft nun Bischofssekretär Florian Böth als Administrator und Priester aus. „Wir sind manchmal ziemlich am Schwimmen“, erzählt Böth. Zwei Kindergärten, drei Altenpflegeheime und 130 Messdiener gehören zu den beiden überraschend alleingelassenen Gemeinden. Arbeitsgruppen überlegen nun gemeinsam, wie es weitergehen soll. „Das war wie eine Fügung, dass in diesem Moment Personen da waren, welche die Aufgaben übernehmen konnten“, sagt Prälat Steinert.

          Für die Zukunft sagt der Personalfachmann „mehr gemeinsame Arbeit in Pastoralverbünden“ voraus. Ein Pfarrer werde sich dann um mehrere Gemeinden kümmern. Damit das funktioniere, müssten mehr Verwaltungskräfte und Gemeindereferenten eingestellt werden. So könne sich der Pfarrer auf die Seelsorge und die Gottesdienste konzentrieren. In den vergangenen zehn Jahren sank nach Steinerts Worten die Zahl der Katholiken im Bistum Fulda um 30.000 auf 390.000. Und nur noch fünf bis 15 Prozent von ihnen besuchten regelmäßig einen Gottesdienst. Auch die Zahl der Priester sei zurückgegangen: Während es im Jahr 2008 noch 212 Priester im Bistum gegeben habe, seien es jetzt noch 179. Knapp vierzig davon kämen aus anderen Ländern, in denen es einen „Priesterüberhang“ gebe, zum Beispiel aus Nigeria und Indien.

          Der unerwartete Ausfall von gleich drei Priestern im Juli hat gezeigt, dass sich das Bistum Fulda neu organisieren muss. Mit einem „Plan 2030“ soll die Seelsorge, das Pastoral, neu ausgerichtet werden. In Arbeitsgruppen wird über die Gestaltung des Gemeindelebens, die Seelsorge, die Zusammenarbeit mit Schulen und vieles Weitere gesprochen. „Bei dem Modernisierungsprozess sind wir bei vielem noch am Anfang“, sagt Prälat Steinert. Besonders die Missbrauchs- und Finanzskandale der vergangenen Jahre hätten ihre Spuren hinterlassen. Kirche habe an Bedeutung verloren. Steinert sagt: „Wir müssen das, was wir verkünden, auch wieder tun.“

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