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Ärger um Modellregion : Protest gegen Biosphärenregion

  • -Aktualisiert am

Konfliktträchtig: In einer Biosphärenregion dürfte ein Teil der Wälder nicht mehr bewirtschaftet werden. Bild: Rainer Wohlfahrt

Im westlichen Taunus soll die Modellregion für eine nachhaltige Entwicklung entstehen. Doch die Kritiker glauben den Versprechen nicht.

          3 Min.

          Die geplante Biosphärenregion in den Kreisen Rheingau-Taunus und Main-Taunus sowie in Wiesbaden stößt auf Vorbehalte. Bei einer Informationsveranstaltung des „Bündnis für Freiheit und Zukunft in der Region“ am Montagabend in der vollbesetzten Niedernhausener Autalhalle wurde deutlich, dass viele Landwirte, Jäger, Forstmitarbeiter und auch die zahlreich erschienenen Vertreter von Städten und Gemeinden Bedenken gegen die Einrichtung einer Biosphäre haben.

          Unter anderem begründeten sie das damit, dass man den Zusicherungen des Landes über zu erwartende Auswirkungen und Einschränkungen keinen Glauben schenke.

          Von Unesco gefördert

          Biosphärenregionen sind Gebiete, die von der Unesco als Modellregionen finanziell gefördert werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Schützenswerte Landschaften sollen erhalten und eine Kernregion sich überlassen bleiben. In Pflegezonen soll das Land naturschonend genutzt werden, etwa mit ökologischer Landwirtschaft und schonendem Tourismus. Das hessische Umweltministerium hatte 2018 eine Machbarkeitsstudie initiiert, die inzwischen vorliegt. Laut Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) hat die Studie bestätigt, dass eine Anerkennung durch die Unesco möglich sei. Nun müssen die Kommunen in der Region entscheiden, ob ein Antrag zur Einrichtung der Biosphärenregion vorbereitet werden soll. Das endgültige Votum, ob ein Antrag gestellt wird, soll im Herbst 2021 fallen.

          Laut Hinz entstehen für Landwirtschaft und Weinbau „keine Einschränkungen in der Bodenbearbeitung“. Die Machbarkeitsstudie sei ergebnisoffen, äußerte das Ministerium. Und die Umweltministerin teilte mit: „Wie bisher kann jeder landwirtschaftliche Betrieb selbst entscheiden, welche Form der Bewirtschaftung er betreiben möchte.“

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          Diesen Zusagen schenkte die überwiegende Mehrheit der rund 500 Besucher in der Autalhalle keinen Glauben. Das „Bündnis für Freiheit und Zukunft in der Region“, zu dem die Kreisbauernverbände, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und die Vereinigung der Familienbetriebe Land und Forst Hessen sowie der Pferdesportbund Hessen gehören, fürchtet massive Eingriffe in Wald und Flur, bis hin zum Verbot von Jagd und Bewirtschaftung.

          Zweifel an Vorteilen der Biospährenregion

          „Wo sind die Vorteile der Biosphärenregion?“, fragte der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises Frank Kilian (parteilos), der die Befürchtungen der Landwirte nach seinen Angaben nachvollziehen kann. Bündnissprecher Thomas Kunz, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Rheingau-Taunus und Vizepräsident des hessischen Bauernverbandes, warf Hinz vor, dass die Kritiker in der Machbarkeitsstudie kaum erwähnt würden. Ihre Einwände seien schlichtweg nicht aufgeführt. „Deswegen hat sich das Bündnis gegründet“, stellte Kunz klar. „Wir wollen die Freiheit erhalten.“

          Um Informationen zu einer schon bestehenden Biosphäre aus erster Hand zu erhalten, hatte das Bündnis den ehemaligen Bürgermeister der thüringischen Stadt Geisa Martin Henkel eingeladen. Die 5000-Einwohner-Gemeinde liegt im Biosphärenreservat Rhön. Henkel, der nach seinen Worten dem Biosphärenreservat anfangs positiv gegenüber eingestellt war, bestätigte mit seinen Ausführungen einen Großteil der Befürchtungen. „Die Verordnung kann jederzeit geändert werden“, äußerte er und machte deutlich, dass die bauliche und planerische Entwicklung von Kommunen aufgrund der Umweltschutzauflagen massiv behindert worden sei. Straßen seien abgewertet und nicht mehr ausreichend unterhalten worden, Infrastrukturprojekte hätten sich verzögert. „Wald in der Kernzone können Sie faktisch nicht mehr bewirtschaften“, sagte Henkel, der heute CDU-Landtagsabgeordneter in Thüringen ist. Es habe „Riesenkämpfe mit den Naturschutzverbänden“ gegeben.

          Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ist nach Worten ihres hessischen Landesgeschäftsführers Christoph von Eisenhart erst auf eigenes Drängen vom Ministerium an der Machbarkeitsstudie beteiligt worden. „Man wollte uns als kritischen Naturschutzverband nicht dabeihaben.“ 90 Prozent der Fragen des Verbands seien nicht beantwortet worden. Laut Eisenhart werden durch die Kernzonen etwa neun Prozent des Waldes in der Biosphärenregion stillgelegt. „Das Konzept passt nicht auf unsere Region, das ist etwas für Steppenländer.“ Außerdem warnte er vor hohen Kosten für die Verkehrssicherungspflicht im Wald, wenn dieser nicht mehr bewirtschaftet werde. Artenschutz und eine höhere Biodiversität gebe es in stillgelegten Wäldern ohnehin nicht. Wenn die Jagd in den Kernzonen verboten sei, komme es zu erheblichen Schäden durch Wildverbiss.

          „Wir lehnen das Projekt ab“

          Seine Äußerungen stießen in der anschließenden Diskussion auf Widerspruch und den Vorwurf, Eisenhart präsentiere „alternative Fakten“. Alle internationalen Naturparks machten Wälder zu Urwäldern, erläuterte Peter Seel (Die Grünen). Zudem sei das Podium des Abends nicht ausgewogen besetzt. Die Vorwürfe konterte Eisenhart mit dem Hinweis, Seel vertrete „Naturschutzkonzepte von gestern“. Neuere Gutachten belegten die Angaben der Schutzgemeinschaft.

          Weitere Zahlen präsentierte Bernd Bund, Landwirt aus Waldems-Esch. Im Biosphärenreservat Rhön seien seit 1999 rund 48 Prozent der Bauernhöfe verschwunden – in ganz Deutschland seien es 37 Prozent gewesen. Er forderte verlässliche Aussagen der Landesregierung, dass ein Biosphärenbeirat keine hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen werde, und warnte davor, dass die gesamte Fläche der Biosphärenregion wie ein Naturschutzgebiet behandelt werden könne. „Wir lehnen das Projekt ab“, stellte Bund klar – unter lautem Beifall.

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