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Krebs und Infektionen : Neuartige Impfstoffe als Ziel

Forschergeist: Sean Marett gehört zum Managementteam des Biopharmazie-Unternehmens Biontech in Mainz. Bild: Helmut Fricke

An neuen Impfstoffen gegen Krebs forscht Biontech schon. Nun nimmt die Mainzer Firma auch Infektionskrankheiten ins Visier. Eine amerikanische Universität eröffnet ihr ein großes Netzwerk.

          Wenn sich namhafte Konzerne bei einer noch recht jungen Firma die Klinke in die Hand geben und Millionensummen für gemeinsame Projekte lockermachen, dann muss der Kleine etwas zu bieten haben. So wie im Falle Biontech. Das Mainzer Unternehmen will Krebs und andere lebensbedrohliche Krankheiten mit einem neuen Ansatz bekämpfen. Es nutzt einen Botenstoff im Körper, der Signale an das Immunsystem sendet. „Suche und töte Krebszellen“, lautet eines dieser Signale. Mit seinem Forschungsansatz hat die Biontech AG unter anderem Arzneimittelhersteller wie Bayer, Pfizer und Sanofi als Partner gewonnen, auch wenn sie noch keinen Wirkstoff auf dem Markt hat. Nun kommt die Universität Pennsylvania hinzu.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gemeinsam mit den Amerikanern wollen die Rheinhessen eine Reihe von Infektionskrankheiten ins Visier nehmen. Das erscheint folgerichtig, sind unter den 850 Beschäftigten doch außer Krebsforschern auch viele Spezialisten für Infektionskrankheiten.

          Immuntherapien gegen Krebs

          Wie Biontech und die Universität mitteilen, wollen sie in einer sogenannten exklusiven strategischen Kooperation neuartige Impfstoffe entwickeln. Diese Impfstoffe sollen dereinst Infektionen verhindern und behandeln helfen, wie es weiter heißt. Die Partnerschaft mit der Hochschule ist aus Sicht der Mainzer der dritte Baustein zum Aufbau des Geschäftsfelds Impfstoffe, wie Sean Marett, Mitglied des Managements von Biontech, sagt. Bis zu zehn Infektionskrankheiten will Biontech mit der amerikanischen Hochschule angehen. Welche das sind, das behalten beide Partner noch für sich.

          Der erste Baustein ist demnach die vor drei Jahren vereinbarte Zusammenarbeit mit der Tierarznei-Sparte von Bayer, in der es um mehrere Krankheiten geht. Im Sommer tat sich Biontech dann mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer zusammen, um neue Impfstoffe gegen die Grippe (Influenza) zu entwickeln. Pfizer lässt sich dies in einem ersten Schritt 120 Millionen Dollar kosten. Die Hälfte dieses Betrags umfasst die vom November 2015 datierende Übereinkunft von Biontech mit dem Arzneimittelhersteller Sanofi, der in Frankfurt-Höchst seinen weltweit größten Standort betreibt. Beide Unternehmen wollen bis zu fünf Immuntherapien gegen Krebs entwickeln. Auch in diesen Fällen spielen die von Biontech genutzten Botenstoffe eine zentrale Rolle, wie es heißt. Aus Sicht von Sanofi läuft die Zusammenarbeit gut. Einzelheiten: Fehlanzeige. Laut Marett geht es im Kern darum zu verstehen, was das Immunsystem unternimmt, um eine Krebszelle oder eine von einem Krankheitserreger befallene Zelle zu töten. Der Mechanismus sei im Prinzip der gleiche. Dabei betreibe Biontech anders als andere Unternehmen keine Gentherapie, hebt Marett hervor.

          Schneller und kostengünstiger

          Nach seinen Worten passt Biontech gut zu der Forschergruppe um Professor Drew Weissman an der Universität Pennsylvania. In dessen Team arbeiteten Fachleute für Infektionskrankheiten und den von Biontech genutzten Botenstoff, mRNA genannt. Die neue Kooperation eröffnete den Mainzern zudem ein riesiges Netzwerk von Forschern in den Vereinigten Staaten. „Drew und seine Forschungsgruppe sind federführend in der Entwicklung neuartiger Impfstoff-Konzepte zur Prävention von Infektionskrankheiten“, sagt Firmenchef Ugur Sahin.

          Impfstoffe auf Grundlage von mRNA haben nach Einschätzung von Biontech im Vergleich zu üblichen Ansätzen einige Vorteile. Sie ließen sich schneller und kostengünstiger entwickeln. Die „potentiell sichere Verabreichung“ sehen die Rheinhessen ebenso auf der Haben-Seite. Bisher werden für Impfstoffe gegen Grippe Millionen Hühnereier im Jahr benötigt. Auch Gelbfieberimpfstoff werde mit Hilfe von Eiern gewonnen, heißt es bei der Weltgesundheits-Organisation.

          Vorreiter für personalisierte Medizin

          Biontech ist ein noch junges Unternehmen und doch schon ziemlich groß. Es hat sich neuen Ansätzen zur Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten per Immuntherapie verschrieben. Vor zehn Jahren gründeten Ugur Sahin, heute Vorstandschef, und Christoph Huber die Firma aus der Mainzer Universität aus. Kurz darauf gewann Sahin die beiden Gründer des auf Nachahmerarzneien spezialisierten Unternehmens Hexal als Investoren. Die Brüder Andreas und Thomas Sprüngmann hatten zuvor Hexal verkauft und wollten sich danach für innovative Therapiemöglichkeiten einsetzen. Sie und die MIG Fonds als weitere Investoren brachten das Geld für Forschungsvorhaben mit, das die Hochschule nicht aufbringen konnte. „Das war damals ein Glücksfall für den Wissenschaftler, denn ich glaube, die Biotechnologie-Branche hat es in Deutschland lange Zeit schwer gehabt“, hat Sierk Pötting, der Finanzvorstand von Biontech, einmal rückblickend gesagt. Mittlerweile ist aus dem Start-up von einst ein 850 Beschäftigte zählendes, international anerkanntes Unternehmen geworden. Die Biontech AG zählt sieben Tochtergesellschaften und vier Standorte in Deutschland. In Fachpublikationen wird die Firma als Wegbereiter der personalisierten Medizin gefeiert. Sie kooperiert mit namhaften Konzernen wie Bayer und Sanofi, Eli Lilly und Pfizer sowie Genentech. (thwi.)

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