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Biographie zu Rudi Arndt : Der Mann, der das Oberbürgermeisteramt lieben lernte

Umzingelt: Oberbürgermeister Rudi Arndt bedrüngt von wütenden Demonstranten. Bild: Barbara Klemm

Streitlustig, vital, pragmatisch: Eine Biographie schildert den Lebensweg Rudi Arndts. Er war ein Verteidiger des Rechtsstaats und planungspolitischer Ideengeber.

          Man wüsste gern, was Roselinde Arndt durch den Kopf gegangen ist, neulich im Südbahnhof. Dort präsentierten sich Peter Feldmann und Michael Paris vor SPD-Genossen, unter ihnen die Witwe des früheren Oberbürgermeisters Rudi Arndt. Die beiden smarten Endvierziger, die sich als mögliche Oberbürgermeisterkandidaten präsentierten, konnten die Parteifreunde im Saal mit ihren braven, abgezirkelten, langweiligen Reden nicht mitreißen. Vielleicht hat Roselinde Arndt daran gedacht, wie ihr Rudi in einer solchen Situation aufgetreten wäre - selbstbewusst, gewinnend, kämpferisch, schlagfertig und laut auch -, und mancher ältere Fahrensmann mag ähnlichen Gedanken nachgehangen haben.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Vielleicht ist es unfair, Feldmann und Paris mit Arndt zu vergleichen. Ganz sicher sogar: Ein Lebenslauf wie der Arndts ist nicht mehr im Angebot, und das ist gut so, er selbst hat viel daran gesetzt, dass es so kommt. Das macht eine soeben erschienene politische Biographie des 2004 gestorbenen Politikers deutlich, die auf Betreiben von Roselinde Arndt entstanden ist. Sechs Autoren, in der Mehrzahl Journalisten, beschreiben darin anschaulich die einzelnen Lebensabschnitte des Mannes, der einmal fast hessischer Ministerpräsident geworden wäre.

          Lebenstrauma in politische Mission verwandelt

          Das Bild des lebenslustigen Arndt ist dunkel grundiert. Der Vater Konrad Arndt, ein Gewerkschaftssekretär in Wiesbaden, wird von den Nationalsozialisten für Jahre ins Konzentrationslager gesteckt und 1940, zwei Jahre nach seiner Freilassung, wohl auch von ihnen ermordet. Ganz geklärt werden die Umstände seines angeblichen Unfalltods in der Nähe von Köln nie, der Leichnam wird im verlöteten Zinksarg nach Frankfurt gebracht und eingeäschert.

          Das ist das Lebenstrauma des 1927 geborenen Rudi. Er verwandelt es in eine politische Mission; dass er viel von seinem Vater hat, fügt sich gut. Die körperliche Robustheit, den Mut zur Auseinandersetzung, das rhetorische Talent und die Organisationsgabe bilden eine Mitgift, die ihn zum Politiker prädestiniert. Auch die Mutter ist ein politisches Wesen, sie wird später ehrenamtliche Stadträtin sein. Von ihrer Seite entstammt er gleichsam dem sozialdemokratischen Patriziat. So gehörte sein Urgroßvater zu den Gründern der Frankfurter SPD, seine Tante Johanna Kirchner, eine sozialdemokratische Aktivistin, wurde vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt, 1944 wurde sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

          Im zerstörten Frankfurt baut er die Jugendorganisation der SPD auf

          Zunächst wird Rudi, wie übrigens der Taufname lautet, Flakhelfer und später Soldat in Hitlers letztem Aufgebot an der Ostfront. Sein Leben hängt in jener Zeit mehrfach am seidenen Faden, was für beinahe jeden seiner Schicksalsgenossen gilt, man lese etwa die Erinnerungen des ein Jahr älteren Joachim Fest.

          Zurück in Frankfurt, wohin die Familie noch während des Krieges gezogen ist, beginnt Arndt mit der politischen Arbeit. Im zerstörten Frankfurt baut er die Jugendorganisation der SPD auf. Eher nebenher studiert er Jura. Er wird Referent in der Wiesbadener Ministerialbürokratie und Stadtverordneter. Als der legendäre Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb 1956 stirbt, rückt Arndt für ihn in den Landtag nach. Auch dort ist er der Jüngste, nach wenigen Jahren schon Fraktionsvorsitzender, schließlich sogar Minister. Doch nicht er, der mit seiner direkten und streitlustigen Art oft aneckt, sondern der biedere Albert Osswald wird 1969 Nachfolger von Ministerpräsident Georg-August Zinn. Das ist der erste und auch entscheidende Bruch in der Karriere Arndts.

          Verhindert Unregierbarkeit

          In der Landespolitik am Ende der Träume, in der Bundespolitik trotz seiner Begeisterung für Brandt ohne echte Perspektive, erreicht ihn die Anfrage der Genossen aus Frankfurt, die einen Nachfolger für den im Amt gestorbenen Walter Möller suchen. Die Entscheidung fällt Arndt nicht leicht, er muss von Genossen in die Pflicht genommen werden. Ein Glücksfall für Frankfurt, aber auch für Arndt selbst, der das Amt lieben lernt. Wäre er Minister in Wiesbaden geblieben, wer wüsste mit seinem Namen heute etwas anzufangen? So ist er immerhin in Frankfurt noch weltberühmt.

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