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Frankfurt in der Corona-Krise : In der Stille der Stadt

Menschenleerer Goetheplatz: Ein junger Mann mit Mundschutz hat es sich auf einer Parkbank bequem gemacht. Bild: Frank Röth

Leere Straßen und Plätze, geschlossene Lokale, verwaiste Parks: Die Corona-Pandemie hält Frankfurt im Würgegriff. Ein Rundgang zeigt die Stadt von einer verlassenen Seite.

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          Von Unwirtlichkeit bis Unwirklichkeit reichten die Verdammungsurteile, die über die Städte im Nachkriegsdeutschland gesprochen wurden. Es gab viele triftige Gründe für die Verdikte. Etwa eine rein funktionale Architektur aus dem Ungeist falsch verstandener Bauhaus-Ideen, die Verlagerung des Wohnens in die Peripherie mit ihren genormten Mietblocks und Reihenhäusern, Plätze, die, statt Urbanität zu erzeugen, Platzangst hervorriefen, eine Draußen-nur-Kännchen-Kultur, in der ein Aufenthalt in gastronomischen Freiluft-Zonen die Ausnahme war. Und als Frankfurter Besonderheit ein Fluss, der im Wesentlichen als Wasserstraße begriffen wurde und nicht als natürliches Gewässer mit Freizeitwert. Noch in den siebziger Jahren des vorigen Säkulums galt gerade die Großstadt am Main als Negativbeispiel für innerstädtische Ödnis und Tristesse.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Seither hat sich viel geändert. Stadtplanerisch und architektonisch, gesellschaftlich und was die Mentalität angeht. Das Lebensgefühl hat sich komplett gewandelt, ist südlicher geworden, kaum ein Café ohne Stühle unter freiem Himmel, normalerweise setzen sich die Menschen beim ersten warmen Sonnenstrahl nach draußen. Normalerweise. Im Augenblick aber ist alles anders. Nun scheint in der Stadt die alte Trostlosigkeit durch, wird plötzlich das Zerrissene wieder sichtbar, das die von Krieg und dem darauf folgenden schlecht-modernen Baufuror gezeichnete Stadt mittlerweile doch nicht vollständig kaschieren konnte. Zumal neue bauliche Monstrositäten dazugekommen sind. Vor allem aber: Die Belebung der Innenstadt scheint wie durch einen Spuk zurückgenommen zu sein. Zeil und Freßgass wirken ohne Konsumenten geradezu seltsam, so ihres ökonomischen Zwecks beraubt. Aber auch auf merkwürdige Art erhaben, ja: schön.

          Die gar nicht mal so heimliche Freude über die Entschleunigung und die Ästhetik menschenleerer Fußgängerzonen mischt sich allerdings mit dem klammen Gefühl einer trügerischen Ruhe. Leere Innenstädte verheißen nichts Gutes. Man kennt das aus den einschlägigen Zombie- und Weltuntergangsfilmen, wenn einsame Papierfetzen durch die Straßen wehen. Der erzwungene Rückzug ins Private, behördliche Anordnungen zwecks Reduzierung der körperlichen Anwesenheit im nicht mehr wirklich öffentlichen Raum, trotz herrlichsten Frühlingswetters verwaiste Quartiere: Die Stadt ist zu einer irrealen Sphäre geworden, einer bloßen Erinnerung an sich selbst.

          Abstellplatz: Aufgrund der Corona-Pandemie und der vielen gestrichenen Flüge hat Fraport die Nordwest Landebahn des Frankfurter Flughafens gesperrt, die jetzt von der Lufthansa genutzt wird, um ihre nicht benötigten Flugzeuge zu parken. Bilderstrecke

          Wenn die Stille einen nervös macht und als apokalyptischer Nicht-Sound empfunden wird, fällt es einem auch schwer, sich in eine meditative Stimmung zu versetzen. Die verordnete Muße kann schlimmer sein als die Anforderungen eines hektischen Alltags. Und im Genuss einer leeren Stadt schwingt die Melancholie mit, die ihren großen Auftritt hat, wenn die Handlungsmöglichkeiten wegbrechen. Die Stadt ist nicht mehr der Ort, wo sich Menschen treffen, austauschen, ins Theater oder Kino gehen, sich Genüssen hingeben wie der nachmittäglichen Kaffee-Spezialität oder dem abendlichen Aperol Sprizz. Sie wird zur Kulisse, in der nichts mehr stattfindet. Die Fassaden schauen traurig auf ein nicht vorhandenes Leben.

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