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Bilanz des Ausbildungsjahres 2012/13 : Nichts genaues weiß man nicht

Immer seltener: ein Auszubildender bei der Arbeit. Bild: dpa

Es kann keiner so recht erklären: Warum haben in diesem weniger junge Leute eine Lehre in Hessen angefangen als im vergangenen Jahr?

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          Vieles weiß man über die Hessen. Wie viele Schweine ihre Landwirte halten (584.200), wie viel Wasser sie am Tag verbrauchen (121 Liter), wie viel teurer Knäckebrot im September war als im August (0,9 Prozent). Bloß die vielleicht doch noch etwas wichtigere Frage, warum in den hessischen Unternehmen in diesem Jahr weniger junge Leute eine Lehre angefangen haben als im vergangenen, kann niemand beantworten. Es ist nicht einmal hundertprozentig sicher, ob es überhaupt weniger junge Leute sind.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Diese Unschärfen hinderten gestern bei einer Pressekonferenz in der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit die zuständigen Funktionäre aus dem Arbeitgeberlager und den Gewerkschaften nicht daran, sich gegenseitig oder auch anderen die Schuld an der wirklichen oder auch nur vermuteten Misere zuzuschieben. Der hessische DGB-Vorsitzende Stefan Körzell sagte, die Unternehmen könnten doch nicht immer lauthals den angeblichen Fachkräftemangel beklagen und zugleich weniger ausbilden. Mathias Gräßle, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft hessischer Industrie- und Handelskammern, entgegnete, es fehle nicht an der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, sondern geeigneten Bewerbern – über die Qualität der Schulen rede er ja schon gar nicht mehr; wie weit hinten Hessen rangiere, hätten doch erst zuletzt wieder Vergleichsstudien gezeigt. Harald Brandes, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der hessischen Handwerkskammern, und Volker Fasbender, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, priesen die duale Ausbildung und ihre modernen Varianten wie das duale Studium, als seien die jungen Leute regelrecht undankbar, da sie all dies nicht zureichend annehmen.

          Weniger Ausbildungsveträge

          Tatsächlich lassen die wenigen vorliegenden Zahlen genug Raum für parteiliche Sichtweisen. Die Bundesagentur für Arbeit weiß zwangsläufig nur, wie viele Lehrstellen die Unternehmen den örtlichen Niederlassungen gemeldet haben und wie viele junge Leute dort bei der Ausbildungsplatzsuche vorstellig geworden sind. Nach dieser Statistik zeigt sich, dass es in diesem Jahr deutlich schlechter aussieht als im vergangenen. Dafür sprechen auch weitere Zahlen, die Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion, gestern vorlegte: Waren vor einem Jahr um diese Zeit noch 965 junge Menschen unversorgt, so sind es in diesem Jahr 1452.

          Dazu passt auch, dass die Vertreter beider Kammern zugeben mussten, dass die Zahl der Ausbildungsverträge, von denen sie wissen, in diesem Jahr niedriger ist. Bei den hessischen IHK sind es noch 23300 gegenüber 24.600 vor Jahresfrist; von einem Wert wie 2008, als 25.900 gezählt wurden, ist man ein gutes Stück entfernt. Bei den Handwerkskammern bilanziert man 2013 ein Minus von drei Prozent. Doch wissen weder die Arbeitsagenturen noch die Kammern von wirklich allen Lehrstellen. Die früheren Arbeitsämter erst recht nicht, weil man einen Lehrvertrag natürlich auch abschließen kann, ohne dort vorstellig geworden zu sein.

          Kein Ende der routinierten Beschimpfungen in Sicht

          Schon gar nicht aber vermochte gestern jemand zu sagen, warum überhaupt die Zahlen zurückgehen, falls sie denn sinken. Den naheliegenden Gedanken, die leichte Abkühlung der Konjunktur 2013 bremse die Ausbildungsbereitschaft, mochte Brandes mit gutem Grund nicht gelten lassen: Dem Handwerk geht es dank Energiewende und Immobilienboom blendend, und trotzdem wird weniger ausgebildet. So ist es Kaffeesatzleserei, ob nun die Unternehmer ihren gesellschaftlichen Auftrag der Nachwuchsförderung schleifen lassen oder umgekehrt unter den Lehrlingen so viele sind, die keinen Dreisatz können, dass auch gutwillige Lehrherren sagen, mit solchen Bewerbern lasse sich nichts anfangen.

          Ganz falsch wäre es wohl nicht, einmal mit Hilfe kundiger Wissenschaftler herauszubekommen, wie es wirklich um den Ausbildungsmarkt steht. Schade natürlich, dass dann womöglich die routinierten Beschimpfungen gegen diesen und jenen ein Ende haben würden.

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