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Bierkonsum in Hessen : Kellertrübes und Grie Soß mit Hopfen

  • -Aktualisiert am

Handwerker: Glaabsbräu-Chef Robert Glaab nimmt eines seiner Craftbiere in Augenschein. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Hessen trinken in diesem Sommer gerne ausgefallene Biere. Die vorläufige Bilanz der Brauereien ist jedoch durchwachsen. Nun setzen sie neben den Dauerbrennern auf weitere Innovationen.

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          90 Prozent mild gehopftes helles Bier und zehn Prozent der Frankfurter Kultsauce mit ihren sieben Kräutern – fertig ist „Glaabs Grie Soß“. Dieses Biermischgetränk gibt es nur in Hessen. Die Seligenstädter Glaabsräu hat es schon im vergangenen Jahr während des Craftbier-Festivals in Frankfurt vorgestellt. Die erste Charge war zügig ausverkauft. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Marketing-Gag. Die kleine Privatbrauerei will mit neuen regionalen Produkten in dem von Überkapazitäten und daraus folgenden Preiskämpfen gekennzeichneten Biermarkt bestehen. Und der Erfolg gibt den Seligenstädtern recht.

          „Unser Sommergeschäft läuft bis jetzt sehr gut“, sagt Emanuelle Bitton-Glaab, die Geschäftsführerin von Glaabsbräu. Demnach steigerte das Unternehmen den Absatz in den Monaten Juni und Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um neun Prozent. Besonders gut liefen Helles, Naturradler und die Craftbiere der Brauerei, die in diesem Jahr ihren 275. Geburtstag feiert. Der Grund für den Erfolg sieht Bitton-Glaab darin, dass die Seligenstädter individuell brauten und dem Kundenwunsch nach „Authentizität, Sinnhaftigkeit und Regionalität“ nachkämen. „Wir sind sozusagen ein Start-Up mit Historie, wir brauen naturbelassen und CO2-neutral“, sagt sie.

          Bierabsatz sinkt bundesweit

          Mit dieser Philosophie will sich Glaabsbräu von großen Brauereien abheben. Das gelingt, denn im vergangenen Jahr ist der Absatz laut Glaab-Bittner um acht Prozent gestiegen. 16 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. Glaabsbräu muss in einem insgesamt stagnierenden bis schrumpfenden Markt bestehen, denn der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier ist in Deutschland seit vielen Jahren rückläufig. Nach Auskunft der deutschen Brauwirtschaft ist der bundesweite Bierabsatz in den Jahren von 2010 bis 2018 von 98,3 Millionen Hektoliter auf 94 Millionen Hektoliter gefallen.

          Glaab-Bittner kennt die Zahlen. „Der heimische Biermarkt wird weiterhin vom Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauchs gekennzeichnet sein, dafür werden alkoholfreie und leichte Biere aber vor allem Biere jenseits des Mainstream zunehmend gefragt sein“, sagt sie voraus und ergänzt: „Das Publikum interessiert sich für hochwertige Biere, die sich geschmacklich von anderen abheben.“ Folgerichtig haben die Seligenstädter ihr Sortiment 2017 komplett neu geordnet und neue Sorten herausgebracht. Sie versuchen, neue Absatzmärkte zu finden. Biersorten wie das kellertrübe „1744“ und „Dunkles Hefeweizen“ wurden im Rahmen der Frankfurter Beer-Trophy prämiert.

          Geheimsache: Über die Rezepturen schweigen sich Brauereien traditionell aus.

          Eher verhalten beurteilt die Binding-Brauerei ihr Sommergeschäft. Zahlen zu Absatz und Umsatz nennt die zur Frankfurter Radeberger-Gruppe gehörende Brauerei traditionell nicht, wie eine Unternehmenssprecherin mitteilt. Sie verweist auf eine „saisonal typische Nachfrage“. Aber die Binding-Sprecherin nennt alkoholfreie Biere und Biermix-Getränke als bevorzugte sommerliche Durstlöscher. Bei den anderen Sorten stünden die naturtrüben Biere hoch im Kurs. Regionalität will die Frankfurter Brauerei mit zwei Sondereditionen beweisen, die gemeinsam mit Studierenden der Offenbacher Hochschule für Gestaltung entwickelt wurden. So gibt es eine „Wasserhäuschen-Edition“.

          Mixgetränke und Innovationen

          Nächstes Jahr feiert die Brauerei ihren 150. Geburtstag und will dann auch ein neues Getränk präsentieren. Zudem arbeite sie an weiteren Innovationen, wolle diese aber erst vorstellen, wenn sie Marktreife erlangt hätten. Die Produktpalette vielfältiger zu machen, ist vermutlich dadurch veranlasst, dass auch Binding nach eigener Aussage langfristig mit einem rückläufigen Biermarkt rechnet. Das gelte für Deutschland aber auch für Hessen. „2019 wird kein einfaches Jahr, es liegen noch einige fordernde Wochen und Monate vor den deutschen Brauern“, teilte die Unternehmenssprecherin mit. Es zähle, was am Ende des Jahres auf dem Absatzzettel stehe. Das ist auch für die Mitarbeiter wichtig, denn am Frankfurter Standort, der auch Verwaltungssitz der Radeberger Gruppe ist, sind rund 500 Menschen beschäftigt.

          Auch die zur Bitburger-Gruppe gehörende Licher Brauerei nennt keine konkreten Absatzahlen einzelner Marken. Infolge des wechselhaften Sommers habe die Brauerei ein ebenfalls wechselhaftes Geschäft verzeichnet, sagt ein Sprecher. Er bestätigt, dass viele Verbraucher regionale und traditionelle Bierspezialitäten nachfragten. Deswegen habe Licher im April mit seinem „Hessenquell Landbier“ reagiert. Das süffige Bier geht laut Brauerei auf ein altes Rezept zurück.

          Zudem lägen alkoholfreie Biere und Mixgetränke im Trend, heißt es auch im Herzen der Natur. Radler verkauft die Brauerei mit und ohne Alkohol. Auch die Licher wissen um die künftigen Herausforderungen. „Der heimische Biermarkt wird langfristig unter Druck bleiben. Dabei spielt der demographische Wandel ebenso eine Rolle wie der Trend zum gesünderen Leben“, meint der Sprecher. Entsprechend setze sich die Brauerei in der Nähe von Gießen Wert- und nicht Mengenwachstum als Ziel. Am Standort Lich sind derzeit 150 Mitarbeiter beschäftigt.

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