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Locker machen : QR-Codes und Maibock

Mann mit Maske: Ein Kellner serviert in Bad Homburger „Kronenhof“. Bild: Wonge Bergmann

Da nimmt man sogar Masken und anderes in Kauf: Endlich wieder Mittagspause im Biergarten.

          2 Min.

          Was für ein Theater nur für einen Teller Sülze mit Bratkartoffeln und Grüner Soße. Nichts gegen die Sülze! Die ist vom Tafelspitz, hausgemacht und wie die würzig-cremige Kräutersoße wirklich gut. Aber darum geht es ja nicht. Es ist vielmehr das von den aktuellen Verhältnissen diktierte Drumherum, das diesen mittäglichen Ausflug zum Bad Homburger „Kronenhof“ zu einer Art Theater macht.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          So unkompliziert und spontan wie früher geht das nämlich nicht mehr. Einfach mal kurzentschlossen zur Mittagspause im Biergarten einkehren – das war vor der Pandemie. Heute geht nichts mehr ohne Reservierung. Online, versteht sich. Denn die Gastronomen müssen die Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen ihrer Gäste aufnehmen und vier Wochen speichern. Für den Fall der Fälle.

          Auf der Internetseite des „Kronenhof“ stehen aber noch ganz andere Sachen, über die man früher den Kopf geschüttelt hätte: zum Beispiel dass die Aufenthaltsdauer auf zwei Stunden beschränkt ist. Und dass es keine freie Platzwahl gibt. Und dass man am Tisch sitzen bleiben soll und beim Gang zur Toilette natürlich eine Maske aufziehen. Und dass es gerade keine Garderobe gibt.

          Das klingt alles ziemlich ungemütlich. Aber nach zwei Monaten im Homeoffice ist man ja schon froh, wenn man überhaupt mal wieder vor die Tür darf. Bei der Ankunft im „Kronenhof“, der nur ein paar hundert Meter entfernt von den Hochtaunus-Klinken in den Feldern liegt, wird einem dann klar, dass die Internetreservierung nur der Anfang war – und was für einen Aufwand die Gastronomen betreiben müssen, wenn sie überhaupt wieder Gäste empfangen wollen.

          Das Personal ist ständig in Bewegung

          Im „Kronenhof“ haben sie das mit der gleichen Akribie gemacht wie vor einigen Wochen, als sie auf dem weitläufigen Hof einen Drive-in-Schalter eingerichtet haben. Jetzt steht am Tor ein kleines Zelt, in dem sich eine Art Rezeption mit zwei – natürlich maskierten – Mitarbeitern befindet, die per Funk mit ihren Kollegen verbunden sind. Dort melden sich die – natürlich maskierten – Gäste an und zeigen ihre Reservierungsbestätigung. Dann kommt ein weiterer – natürlich maskierter – Mitarbeiter und führt die Gäste an ihren Tisch; auf dem Hof ist der Weg mit Kreide markiert. Am Tisch selbst wird es dann zum Glück lockerer. Fast wie früher. Fast.

          „Schön, dass Sie da sind“, sagt die Kellnerin und lässt ein freundliches Lächeln hinter dem Mund-Nasen-Schutz vermuten. Die Gäste selbst können jetzt ablegen. Tischschmuck oder Besteck? Nicht erlaubt. Speisekarte? Gibt es in laminierter Form nur für jene, die nicht mit einem Smartphone umgehen können. Für alle anderen klebt ein QR-Code auf dem Tisch, um das Menü auf das Handy zu zaubern. Wir entscheiden uns für die erwähnte Sülze, Flammkuchen, Wurstsalat – und drei große Gläser hausgebrauten Maibock.

          Bevor wir mit voller Erleichterung anstoßen können, wartet die nächste Hürde. Die Bedienung darf die Gläser – genau wie wenig später die Teller – nicht verteilen, sondern nur an den Rand des Tisches stellen. Und das Besteck samt Servietten kommt auf einem eigenen, mit Frischhaltefolie abgedeckten Teller, Salz- und Pfefferstreuer werden ebenfalls separat auf kleinen Tellern gebracht. Die Zahl der Gäste mag nur halb so groß sein wie üblich, aber das Personal ist fast mehr in Bewegung als früher – bis zum Schluss kontaktlos per Karte bezahlt wird und wir den „Kronenhof“ auf dem mit Kreide gekennzeichneten Weg wieder verlassen.

          Ja, was für ein Theater! Aber trotzdem haben wir diese Mittagspause so genossen wie keine in den vergangenen Wochen. Nicht nur wegen des sonnigen Wetters, der guten Sülze, des herrlichen Maibocks, der freundlichen Bedienung. Sondern vor allem wegen der trotz all der Corona-Regeln endlich wieder spürbaren Normalität, die dieser kurze Besuch auf dem „Kronenhof“ in unseren Alltag gebracht hat. Wir kommen so schnell wie möglich wieder.

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