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Privatbrauerei mit Tradition : Pfungstädter Bier setzt auf neue Spezialitäten

Für Durstige: Urweizen hat die Brauerei ihre neueste Bier-Kreation genannt. Bild: Michael Kretzer

Das Familienunternehmen aus Südhessen kreiert neue Sorten wie ein Weizenbier mit Dinkel. Damit will man den Rückgang beim Verkauf von Pils ausgleichen.

          In den nächsten Wochen werden die Verkaufszahlen hochgehen. Wenn sich die Fußball-Elite zu Weltmeisterschaften trifft, nimmt der Bierdurst der Deutschen traditionell zu. Grundsätzlich aber schrumpft der Markt für Bier, vor allem mit der klassischen Sorte Pils lassen sich keine so guten Geschäfte mehr machen.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Pfungstädter Privatbrauerei versucht der „Pilsfalle“ zu entkommen, indem sie gleich mehrere neue Bierspezialitäten anbietet, gebraut zum Beispiel aus Weizen und Dinkel. Diese Sorten wurden in den vergangenen Monaten entwickelt, wie der Geschäftsführer des Familienunternehmens, Stefan Seibold, sagt. Zum neuen Angebot zählen auch ein ungefiltertes Exportbier und dunkle Biere. Für die neue Ausrichtung hat sich das Unternehmen nach Seibolds Worten entschieden, weil mit der Herstellung von Pils einfach kein Wachstum mehr zu erzielen sei.

          Brauerei setzt auf zwei Trends

          Als Reaktion darauf setzen viele Brauereien auf zwei Trends, meint der Bierbrauer aus Pfungstadt. Der eine sei die Herstellung von Limonade, gern Fassbrause genannt. Die andere Entwicklung, von der Hersteller zu profitieren versuchten, sei die steigende Nachfrage nach „Craft-Beer“. So werden in der Werbung Biere bezeichnet, die handwerklich hergestellt sind und sich von den verbreiteten Marken der Massenproduktion geschmacklich deutlich unterscheiden. So lautet zumindest das Versprechen.

          Die Pfungstädter Brauerei stellt ebenfalls Limonade her, drei Sorten mit dem Geschmack von Zitrone, Orange und Johannisbeere. Die Getränke der Südhessen schmecken außerdem leicht nach Malz. Doch auf Limonade allein will Seibold sich nicht verlassen. Mit den Süßgetränken lasse sich auch bei guter Qualität der Rückgang des Pils-Absatzes nicht ausgleichen. Diese Produkte könne eine Marke wie Pfungstädter allenfalls an Gastronomiebetriebe verkaufen, die auch ihr Bier bei der Brauerei bezögen.

          Auch auf die Craft-Beer-Welle springt das Unternehmen nicht auf. Dieses werde vor allem im urbanen Umfeld geschätzt. Für die Pfungstädter Brauerei aber sei Südhessen der Hauptabsatzmarkt, und dort laufe das modische Segment nicht gut. „Im Odenwald, da gibt es kein Craft-Beer“, sagt Seibold. Er freut sich dennoch über diese Mode, sie habe bewirkt, dass die Trinker sich für die Herstellung und die Inhaltsstoffe von Bier interessierten und sich das Etikett genauer anschauten. Viele Craft-Beer-Sorten sind stark gehopft, weisen also einen kräftigen Geschmack auf. Ein solches Getränk sei eher etwas zum Nippen, wie ein Glas Wein, meint Seibold. Die Pfungstädter Biersorten dagegen seien so gebraut, dass sie sich auch in großen Schlucken konsumieren ließen. „Bier muss auch gut gegen Durst sein“, so Brauereichef. Der Geschmack der eigenen Spezialitäten sei eher von Malz als von Hopfen beherrscht. Und trotz der neuen Produkte bleibe das etwas herbere Pils für Pfungstädter ein wichtiges Standbein.

          Fünf neue Sorten angeboten

          In der Serie der Brauspezialitäten werden derzeit fünf Sorten angeboten. Das „Urweizen“ ist ein Weizenbier, das mit Dinkel angereichert wird und ungefiltert, also leicht trüb, in die Flasche kommt. Der „Urstoff“ wird als Kellerbier bezeichnet. Auf die Filterung wird ebenfalls verzichtet. Mit seinem milden Geschmack entspricht es dem Typus des Exportbiers, für das vor einigen Jahren auch der Name „Lager“ aufgekommen ist. Die beiden dunklen Sorten heißen „Schwarzbier“ und „Landbier“. Ergänzt wird die neue Serie von einem Radler, das auch trüb ins Glas kommt und sehr frisch und natürlich nach Zitrone schmeckt. Der Geschäftsführer schätzt, dass in diesem Jahr fünf Prozent des Umsatzes mit den neuen Spezialitäten erzielt wird. Für das nächste Jahr erwartet er für dieses Segment einen Absatz von mehr als 10.000 Hektolitern.

          Die Pfungstädter Brauerei besteht seit dem Jahr 1831 und ist nach eigenen Angaben Marktführer in Südhessen. Mit 107 Mitarbeitern wurde im vergangenen Jahr ein Umsatz von 22 Millionen Euro erzielt. Zu den Abnehmern gehören 2200 Gaststätten und 1000 Geschäfte, darunter Supermärkte im Umkreis von 30 Kilometern. Außerdem schenkt die Brauerei auf 2000 Festen aus. Nach Seibolds Worten wird im Inland mit der Lieferung an die Gastronomie und an den Handel ein gleich hoher Umsatz von je acht Millionen Euro erreicht. Mit dem Export ins Ausland, etwa nach Skandinavien und Asien, nimmt das Unternehmen weitere sechs Millionen Euro ein.

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