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Business Improvement Districts : Fünfjahrespläne und Dinosaurier

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Kein Leerstand: Der Seltersweg gilt als eine der besten Lagen für Einzelhandel in Gießen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Deutsche Innenstädte drohen zu veröden. In Mittelhessen hat man sich deswegen eine Idee aus Kanada zu eigen gemacht.

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          Worüber man in Frankfurt gerade – wieder einmal – redet, ist in Gießen seit zwölf Jahren in die Tat umgesetzt: Sogenannte Business Improvement Districts, kurz BIDs. Dabei handelt es sich um abgegrenzte Gebiete, in der Regel Laden- und Geschäftsstraßen, in denen Hauseigentümer Aktionen organisieren, um die ihr Stadtviertel attraktiver werden zu lassen und der Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken. Grundlage ist in Hessen das Gesetz zur Stärkung innerstädtischer Geschäftsquartiere (Inge).

          Basierend auf den in Erstbefragungen geäußerten Vorstellungen, gibt es in Gießen vier BIDs: Seltersweg („Boulevard der Marken“), Katharinenviertel („Geselliger Treffpunkt – nicht zuletzt für Familien“, Marktquartier („Das Herz Gießens“) und Theaterpark/Plockstraße („Quartier mit Flair und Lebensstil“). Für einen einzigen District waren die Interessen und Gegebenheiten zu unterschiedlich. Der Seltersweg ließe sich nicht über denselben Kamm scheren wie das Marktquartier. Das Katharinenviertel rund um das ehemalige Horten-Gebäude, das eine Zeit lang leer stand, hat ebenso ein eigenes Profil wie die Plockstraße.

          „Wir haben viel erreicht“

          Heinz-Jörg Ebert ist ein Mann der ersten Stunde. 2006 war er einer der Initiatoren des Konzepts. Der Geschäftsführer des Schuhhauses Darre und Vorsitzende des BIDs Seltersweg ist mit der Entwicklung sehr zufrieden. „Wir haben viel erreicht“, sagt er stolz beim Rundgang durch die Fußgängerzone. „Die Gießener Innenstadt steht picobello da. Einstige Brachen, zum Beispiel an der Plockstraße, sind beseitigt. Die Hausbesitzer investieren in jedem Fünfjahreszyklus rund zwei Millionen Euro, bisher also sechs Millionen Euro. Die Stadt zieht mit. Der Wohlfühlfaktor für Besucher hat sich deutlich erhöht. Eine Erfolgsgeschichte.“

          Der deutsche Einzelhandel sieht sich mit einem tiefgreifenden strukturellen Wandel konfrontiert. An den Stadträndern und auf der grünen Wiese sind starke Standorte entstanden, die bezogen auf ihre Erreichbarkeit, Parkmöglichkeiten, Flächenverfügbarkeit sowie Bodenpreise und Mieten Vorteile gegenüber zentralen Lagen bieten. Hinzu kommen stetig wachsende Umsätze im Online-Handel. Städtische Lagen geraten in diesem Zusammenspiel zunehmend unter Druck – mit entsprechenden Folgen für Immobilieneigentümer und Mieter, vor allem Einzelhändler und Gastronomen, teilweise auch Filialen großer Ketten. Den Innenstädten droht die Verödung.

          „Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt“

          Leerstehende Läden gebe es am Gießener Seltersweg nicht, sagt Ebert. Der Standort ist begehrt. Kleinere Geschäfte zahlen in der 1-A-Lage laut Gewerbemietspiegel Mieten zwischen 45 und 80 Euro pro Quadratmeter, Größere 35 bis 40 Euro. In 1-B-Lagen sind es 12 bis 30 Euro. In einer bundesweiten Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang La Salle landet Gießen bei der Frequenzbewertung der Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern aktuell auf dem zweiten Platz.

          „Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und sind rechtzeitig tätig geworden“, resümiert Heinz-Jörg Ebert. Der erste deutsche BID entstand 2004 in Hamburg. Ursprünglich stammt die Idee aus dem kanadischen Toronto, von wo sie sich Ende der sechziger Jahre über ganz Nordamerika ausbreitete.

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