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Bibliotheken in Gefahr : Kein Wort in Gottes Ohr

  • -Aktualisiert am

Medien sind zu teuer geworden

Die Arbeit bleibt eine Herausforderung, auch in den katholischen Gemein-den. „Die verschiedenen Medien sind teurer geworden, die Budgets in der Regel aber nicht gestiegen“, erläutert Gabriele Schermuly von der Fachstelle für Büchereiarbeit im Bistum Limburg. Der Ganztagsunterricht an vielen Schulen habe die Zeit der Schulkinder erheblich reduziert und das traditionell meist weibliche, ehrenamtliche Bibliothekspersonal sei immer schwieriger zu finden, weil immer mehr Frauen berufstätig seien. Und in den zusammengelegten Pfarreien neuen Typs würden oft auch die Bibliotheken geschlossen, wodurch die vertrauten, kurzen Wege für ältere Besucher gekappt würden. Dabei seien die kleinen Gemeindebibliotheken so viel mehr als nur eine Möglichkeit zur Bücherausleihe. „Die Mitarbeiter dort haben Zeit, machen die Arbeit mit Freude, lesen selber gern und viel“, sagt Schermuly. „Da kommt man ins Gespräch, findet gemeinsam das richtige Buch für den jeweiligen Gast. Und redet vielleicht auch mal über ganz andere Themen.“

Zehn sogenannte katholische öffentliche Bibliotheken verzeichnet die Fachstelle in Limburg noch für Frankfurt in den Pfarreien, hinzu kommen zwei Patientenbibliotheken im Sankt Katharinen-Krankenhaus und im Krankenhaus Nordwest. Alle Einrichtungen stehen Besuchern unabhängig von Alter, Wohnort und Religion zur Verfügung, früher kamen vor allem Kinder, nun kommen vor allem Senioren. In Zusammenarbeit mit dem Borromäusverein in Bonn werden die Bibliothekskräfte von der Fachstelle im Bistum geschult und begleitet, fortgebildet und bei Neuanschaffungen, Digitalisierung und Veranstaltungen beraten und unterstützt. Obwohl es auch in der katholischen Kirche weniger Gemeindebibliotheken gibt, hebt Schermuly die hohe Bedeutung hervor. „Sie sind ein wichtiges Angebot zur Vermittlung allgemeiner Medienkompetenz, und die wird gerade im Zeitalter der Digitalisierung immer wichtiger.“

Kein Platz für Pessimismus

Pessimismus oder gar Totengräberstimmung sucht man bei den Mitarbeitern vergeblich. Nicole Schneider leitet seit zehn Jahren die Gemeindebibliothek am Standort Sankt Josef in Eschersheim, der zur neuen Großgemeinde Sankt Franziskus gehört. Schneiders Augenmerk gilt Kindern und jungen Familien, auch, weil die Bibliothek im ersten Stock des Gemeindehauses für Ältere nicht einfach zu erreichen ist. Mit Öffnungszeiten rund um den Erstkommunionunterricht und den sonntäglichen Gottesdienst sowie einem „Bibliotheksführerschein“ für alle Vorschulkinder des Kindergartens erreichen sie und ihre sieben Mithelfer immer wieder neue Lesergruppen. „In der Regel bleiben uns fünf bis zehn Familien aus dem Kita-Alter erhalten“, berichtet Schneider, „und dadurch erreichen wir auch die Eltern.“

Nicole Schneider in der Gemeindebibliothek der Gemeinde St. Josef
Nicole Schneider in der Gemeindebibliothek der Gemeinde St. Josef : Bild: Michael Kretzer

Zwei Drittel der Neuanschaffungen für Sankt Josef sind Bücher und Medien für Kinder bis zum Alter von zehn Jahren, wie die Bibliothekarin sagt. Erwachsene interessierten sich für Bücher mit Frankfurt-Bezug, Krimis, Romane und Kochbücher. Gern würde Schneider mehr Veranstaltungen anbieten, um Besucher anzulocken. Aber für Lesungen reicht das Geld nicht. Stattdessen organisiert das Team Vorlese- und Dia-Nachmittage, zweimal im Jahr gibt es einen Bücher-Flohmarkt und gelegentlich Buchvorstellungen mit einer befreundeten Buchhändlerin. Regelmäßig besucht Schneider Fortbildungen, oft gemeinsam mit den Kollegen aus der evangelischen Kirche. „Da funktioniert die Ökumene sehr gut.“

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