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Messe für Flüchtlinge : Bewerbungen im Minutentakt

Wartestand: Flüchtlinge am Stand eines Unternehmens auf der Zukunftsmesse in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Flüchtlinge suchen Jobs, Firmen suchen Mitarbeiter: Bei der Zukunftsmesse in Frankfurt kommen 900 Flüchtlinge mit Unternehmen in Kontakt.

          2 Min.

          Baharustani Samiullah blickt sich suchend im Ludwig-Erhard-Saal der IHK Frankfurt um. In den Händen hält er eine Broschüre, in der die Unternehmen, die bei der Flüchtlingsmesse einen Stand haben, aufgelistet sind. Kleine Piktogramme neben den Firmenbeschreibungen erläutern zusätzlich auf einfache Weise, zu welcher Branche das jeweilige Unternehmen gehört, um welche Tätigkeit es geht.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Samiullah hat sich einige der Nummern rot markiert. Unter anderem den Stand Nummer 24. Dort sitzt die Accenture Unternehmensberatung. In ziemlich gutem Deutsch stellt sich Samiullah, ein sehr jugendlich wirkender Mann, Mark Lampe vor: „Guten Tag, ich heiße Baharustani Samiullah. Ich bin aus Afghanistan und ich habe einen Abschluss in Wirtschaft.“ Die beiden Männer kommen ins Gespräch. Es ist voll im Saal, entsprechend laut ist es. Keine einfache Situation für den 32 Jahre alten Mann aus Afghanistan, der seit einem Jahr in Frankfurt lebt, sich verständlich zu machen. Er erläutert Lampe, dass er zwar keine Software programmieren könne, sich aber gut mit Hardware auskenne.

          Übergabe eines Zettels

          Ersteres sucht aber der Mann der Unternehmensberatung. Samiullah zeigt auf die Broschüre. „Sie haben geschrieben, dass Sie Wirtschaftswissenschaftler suchen“, sagt der Zweiunddreißigjährige. Das schon, aber eben mit IT-Hintergrund, entgegnet Lampe. Und so endet das Gespräch schließlich mit einem höflichen „Vielen Dank“ und der Übergabe eines Zettels, auf dem „jobs4refugees“ steht, und auf dem Samiullah seine Kontaktdaten einträgt.

          Rund 900 Flüchtlinge sind in die Industrie- und Handelskammer zur ersten Zukunftsmesse gekommen, bei der sie mit Vertretern von mehr als 50 Unternehmen in Kontakt treten können. Die meisten Teilnehmer sind junge Männer, den größten Anteil machen mit 30 Prozent Afghanen aus, rund 20 Prozent kommen aus Syrien und 15 Prozent aus Eritrea. Die meisten der Männer verfügen über ausreichend Deutschkenntnisse, um einen Job aufnehmen zu können. Um das sicherzustellen, mussten sie sich über ein deutschsprachiges Online-Portal anmelden. Dabei wurden sie auch zu ihrer Ausbildung befragt. Alle Unterlagen werden am Eingang der Messe ausgedruckt. So wissen die Firmenvertreter, mit wem sie es zu tun haben.

          „Die Messe ist sehr gut organisiert“, sagt Angela Ulloa von Fleming’s Hotels. 17 Gespräche hat sie nach rund zwei Stunden geführt, sieben Kandidaten werden zu einem zweiten Bewerbungsgespräch eingeladen. Die Gespräche seien für ihre Gesprächspartner „manchmal ein bisschen enttäuschend“, da die Sprachkenntnisse doch oft für den Servicebereich nicht reichten. Insgesamt fällt ihr Fazit, so wie das von Marie-Theres Liehs von Leonardo Hotels, eher positiv aus. „Selbst wenn wir nur ein, zwei Bewerber nehmen, ist das schon ein Erfolg“, sagt Liehs.

          Nasir Majeed, der sich in die lange Schlange am Stand der Deutschen Bahn einreiht, stammt aus Pakistan. Ihm gegenüber sitzt Andreas Hehn. „Wie können wir behilflich sein?“, fragt Hehn. Die beiden Männer unterhalten sich über den Werdegang und Sprachkurse. Und irgendwann fällt der Satz, den Majeed befürchtet hat: „Wenn Sie die Abschlüsse nachweisen können, dann können Sie sich direkt bewerben“, sagt Hehn.

          Nach dem Gespräch wirkt der Mann aus Pakistan ziemlich ernüchtert. „Uns wurde gesagt, dass das eine Messe für Flüchtlinge ist. Aber das ist es nicht. Das hier ist für Menschen, die alle Dokumente haben“, sagt Majeed. Wann immer er versuche, einen Job zu bekommen, werde er nach Dokumenten gefragt. Da er diese nicht vorweisen könne, sei die Reaktion oft, dass man ihm dann nicht helfen könne. Majeed zuckt mit den Schultern. Dann versucht er am nächsten Stand erneut sein Glück.

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