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Bettina Pousttchi in der Schirn : „Eine gute Kulisse für Fotos am wichtigsten“

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Die Schirn wird zum Fachwerkhaus: Bettina Pousttchi in der von ihr veränderten Kunsthalle Bild: Fricke, Helmut

Bettina Pousttchi hat das Äußere der Frankfurter Schirn-Kunsthalle radikal verändert. Sie will Fragen nach unserem Umgang mit Geschichte und Architektur aufwerfen, wie sie sagt.

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          Wenn jemand die Schirn zum ersten Mal sieht, könnte er meinen, sie habe immer schon so ausgesehen. Ein langgestreckter Kasten mit abstrakten Ornamenten, dazu ein Rundbau mit einer großstiligen Verzierung, die seltsam zwischen Moderne und einer nicht so genau bestimmbaren Tradition changiert. Wer die Kunsthalle allerdings kennt, wird die Veränderung an der Fassade und in der Rotunde als massiven Eingriff wahrnehmen. Irgendwie kommen einem die abstrakten Motive, die da aneinandergereiht wurden, vertraut vor, aber es bedarf schon der Information, dass Fachwerkelemente von zwei Häusern am Frankfurter Römer verwendet wurden, um einen Aha-Effekt hervorzurufen. Es handelt sich um das spätmittelalterliche Haus Wertheym, das als eines der wenigen Altstadtgebäude den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs überstanden hat, und um den damals zerstörten „Schwarzen Stern“, der im Zug der Rekonstruktion der Römer-Ostzeile in den frühen achtziger Jahren wiedererstand.

          Die repetitiven Formen wirken allerdings auch orientalisch. So spiegelt sich die Altstadt derzeit auf mehrfach gebrochene Weise außen an der 1986 errichteten Ausstellungshalle. Hervorgerufen werden Assoziationen an ihre real existierenden Überreste, genährt wird aber auch die Illusion des Unversehrten, Historischen, Einheitlichen, die mit ihr und ihrer nun anstehenden Teilrekonstruktion verbunden ist. Nicht immer arbeitet Bettina Pousttchi so monumental.

          Das „Echo“ von Berlin

          Einmal hat sie es schon getan, in Berlin, wo sie 2009 den zugunsten des Wiederaufbaus des Stadtschlosses schon abgerissenen Palast der Republik an der Fassade der Temporären Kunsthalle abermals Struktur gewinnen ließ: „Echo“ hieß dieses Werk aus Fotofolien, das den Umgang mit Geschichte ebenso zum Thema hatte, wie es jetzt bei „Framework“ in Frankfurt der Fall ist. Auch dabei handelt es sich um eine großformatige Fotoinstallation, die freilich anders als in Berlin nicht flächendeckend ist, sondern mit der Schirn-Postmoderne einen durchaus harmonischen Zusammenklang bildet. Schließlich sollte die Arbeit in der Hauptstadt auch die Illusion eines intakten anderen Gebäudes vermitteln. In Frankfurt geht es eher um den innerstädtischen architektonischen Zusammenhang. Im Inneren der Rotunde sind zudem Fotoarbeiten aus der Serie „World Time Clock“ zu sehen, einem noch nicht abgeschlossenen Projekt, in dem die Künstlerin prominente Uhren in aller Welt, angefangen bei dem Zeitmesser von Big Ben, genau fünf Minuten vor 14 Uhr ablichtet.

          Die Deutschiranerin, 1971 in Mainz geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Sie versteht sich ausdrücklich als Fotokünstlerin. „Die Fotografie“, sagt sie und rührt in ihrem Tee, „erlebt im Moment eine ganz entscheidende Transformation und muss neu definiert werden, weil sie an die Grenzen dessen reicht, was noch Spur des Realen ist. Fotografie ist Erinnerungsmedium, Aufzeichnungsmedium und Illusionsmedium, und ich möchte, dass ,Framework’ auf all diesen Ebenen wirkt.“

          Die Monumentalität dieser Installation sei kein Selbstzweck, erläutert sie, es gebe einen Grund dafür. „Es geht nicht nur um ein Blow-up, ums Vergrößern, sondern auch um Architektur und darum, auf Architektur und über Architektur, im Maßstab von Architektur zu arbeiten. Und das ist natürlich nur im Verhältnis eins zu eins möglich.“ Sie sitzt im Café der Schirn und weist auf die Rotunde, die von hier aus zu sehen ist: „Das ist kein riesiges Foto, das wie Werbung vor eine Fassade gehängt wurde.“ Vielmehr habe sie eine Symbiose zwischen der Fotografie und dem Gebäude schaffen und etwas Skulpturales erzeugen wollen.

          Keine politische Aktion

          “Die Arbeit“, führt Pousttchi aus, „ist ortsspezifisch in dem Sinn, dass sie die Situation als Ausgangspunkt nimmt, aber es ist ein Kunstwerk und keine politische Aktion. Überhaupt nicht. Ich nehme nicht Partei für die eine oder andere Seite. Es sollen Fragen zutage treten, die von allgemeinem Interesse sind.“ Vor einem Jahr war sie in Frankfurt, schaute sich die Details in der Umgebung der Schirn an, und sie verfolgte die teilweise hitzig geführte Debatte um die Frankfurter Altstadt. „Mich interessiert: Wie gehen wir um mit Geschichte? Welche Geschichte wird aufgebaut aus dem ganzen Spektrum, das Frankfurt erlebt hat oder das überhaupt Städte erlebt haben? Wer sucht aus, welches Segment der Geschichte hier betont werden soll? Wessen Geschichte wird hier erzählt? Woran erinnern wir, an welche Epoche?“

          Allerdings macht die Künstlerin auch keinen Hehl daraus, dass sie von der Idee, die Geschichte zu kitten, nichts hält. „Das Bedürfnis kann ich natürlich verstehen. Es wäre schön, wenn es keinen Krieg, wenn es die furchtbaren Zerstörungen nicht gegeben hätte. Aber die Wunde wird nicht geheilt werden.“ Auch wenn etwa die Römer-Ostzeile, deren Rekonstruktion seinerzeit äußerst umstritten war, zu den meistfotografierten Frankfurt-Motiven zählt. „Das Wichtigste scheint zu sein, dass die Touristen eine gute Fotokulisse haben“, sagt Pousttchi. „Das ist auch ihr gutes Recht. Ich habe ein Herz dafür. Ich würde mir wünschen, dass die Touristen jetzt hierherkommen, ihre Familie vor meiner Arbeit fotografieren, so dass sie in die Frankfurter Stadtgeschichte eingeht und rund um den Globus in Fotoalben wiederzufinden ist.“

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