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Frauen in der Wirtschaft : Wachstumsförderndes Wohlbefinden

„Home-Office, Kinderbetreuungsplätze und flexible Arbeitszeiten zahlen sich aus“: Belén Garijo, Pharmachefin von Merck in Darmstadt Bild: Helmut Fricke

Betriebe und Politik sollten mehr auf das Wohlergehen von Frauen achten - heißt es in einer Studie für den Arzneimittelhersteller Merck.

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          Belén Garijo muss nicht lange überlegen. Ob es sich für ein Unternehmen auszahle, seinen Mitarbeitern Home-Office und flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuungsplätze und Zeiten für die Pflege von Angehörigen anzubieten? „Das zahlt sich immer aus“, gibt sich die Chefin der Pharmasparte von Merck überzeugt. Sie verweist auf erfolgreiche amerikanische Technologiekonzerne wie Google und Netflix, die viele Angebote für junge Mütter und Väter bereithielten und sie auch einsetzten, um Talente an sich zu binden. Programme mit dem Ziel, Arbeit und Privatleben auszubalancieren, motivierten Mitarbeiter, meint die bisher einzige Frau im Vorstand des Darmstädter Unternehmens, die selbst zwei Töchter hat.

          Thorsten Winter
          (thwi.), Rhein-Main-Zeitung

          „Merck ist nicht nur ein Konzern in Familienhand, sondern auch ein familienorientiertes Unternehmen“, sagt Garijo. Der Hersteller von Arzneimitteln, Spezialchemikalien und Laborbedarf halte schon eine ganze Menge sozialer Angebote bereit. „Aber was mich nachts wachhält, ist der Gedanke: Das ist noch nicht genug.“ Es seien einheitlichere Vorgaben notwendig, auch durch die Gesetzgebung. So hat sie es in einer Podiumsrunde während einer von Merck organisierten Tagung im Jagdschloss Kranichstein formuliert.

          „Managing stress“

          Dort ging es um die wirtschaftliche Bedeutung von Frauengesundheit und Wohlbefinden. Die Ärztin Garijo denkt nicht nur an Deutschland, schließlich ist Merck ein Weltkonzern und auch in vielen Ländern vertreten, in denen der Rechtsrahmen und die Sozialleistungen längst nicht so ausgeprägt sind wie hierzulande. Die Ergebnisse der Tagung kann sie als Rückenwind verstehen, namentlich eine von Merck unterstützte Studie der Economist Intelligence Unit, die Analyse-Einheit der Gruppe, die das Wirtschaftsmagazin „Economist“ herausgibt. Für die Studie befragten die Sozialforscher insgesamt 453 Frauen in Brasilien, Deutschland, Frankreich, Indien und Mexiko sowie hundert Managerinnen von Firmen und Institutionen in aller Welt.

          Zu den Erkenntnissen zählt zum Beispiel, dass Frauen sagten, sich aktiv um ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu kümmern -, Daten besagten aber etwas anderes, sagt Aviva Freudmann, Leiterin der Studie. Ein weiteres Ergebnis: Wer mehr Geld hat, zielt aktiver auf eine gute Gesundheit ab, ernährt sich bewusst und macht Sport. Wer aber deutlich mehr Geld hat als er zum Leben braucht - und das ist nach den Worten Freudmanns jenseits von 75.000 Dollar oder umgerechnet 68.000 Euro im Jahr der Fall - entwickelt „managing stress“. Die Person wird also gestresst, weil sie jene Dinge und Vorhaben organisieren muss, die sie sich leisten kann.

          Katja Iversen plädiert dafür, mehr auf Wohlbefinden als Wirtschaftsfaktor zu achten. „Wenn wir in das Wohlbefinden von Mädchen und Jungen investieren, gewinnen alle“, meint die Vorstandschefin der Organisation Women Deliver mit Sitz in New York. Gute Gesundheit, so lautet ein Extrakt aus ihrem Vortrag zu Beginn der Merck-Tagung, ist dabei nicht mit Wohlbefinden gleichzusetzen, auch wenn die „Economist“-Studie ergeben hat, dass viele Frauen das genauso sehen. Denn die Weltgesundheits-Organisation fasst unter Wohlbefinden auch finanzielle Sicherheit und lebenslanges Lernen, einen Arbeitsplatz und eine Wohnung, soziale Teilhabe und Freizeit sowie eine gesunde Umwelt als Einflussgrößen. Wer lerne, könne seiner Gesundheit besser dienen, in der Folge eher Geld verdienen und Wohlstand bilden. Wohlbefinden sei also eine Frage gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, meint Iversen.

          Was lernt nun Merck als Anbieter freiverkäuflicher Gesundheitsprodukte daraus für sein Geschäft? Jenseits des Produktangebots geht es um Unterstützung von Frauen, um Wohlbefinden zu erreichen, meint Uta Kemmerich-Keil, Chefin der Sparte für freiverkäufliche Mittel. Anfang März versammelt sie ihre 100 wichtigsten Manager um sich, um aus Tagung und Studie die Schlüsse für ihre Sparte zu ziehen, die im Englischen Consumer Health heißt, also den Konsumenten in den Mittelpunkt stellt. Dieses Geschäft ist nicht nur risikoärmer als jenes der Arzneimittelforschung, wie Garijo sagt. Da die Gesundheitssysteme unter Kostendruck stehen und zudem viele Menschen freiwillig eine Menge Geld für Gesundheit ausgeben, ist dieses Geschäft nach ihren Worten auch ein Wachstumsmarkt.

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