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Kleinkinder in Frankfurt : Kita oder Tagesmutter?

Treffpunkt Spielplatz: Tatjana Sych hält Lena im Arm, Jörg Hartmann kümmert sich um ein Wehwehchen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Ziel der Stadt ist ehrgeizig: Für mehr als die Hälfte der unter Dreijährigen soll es einen Betreuungsplatz geben. Ohne Tageseltern wäre das nicht zu erreichen.

          Eigentlich hatte Julika Knopp eine andere Vorstellung von ihrer Rolle als Mutter. Als ihre Tochter Lena vor drei Jahren geboren wurde, war sie entschlossen, sich komplett selbst um sie zu kümmern. Sie habe gedacht, das sei das Beste, sagt die Dreißigjährige, die mit ihrer Familie am Rebstock wohnt. „Dann habe ich aber festgestellt, dass Kinder das anders sehen.“ Als Lena ins Krabbelalter kam, reichten ihr Mutter und Vater nicht mehr aus. „Sie wollte immer raus, auf Spielplätze, zu anderen Kindern.“ Zu einer solchen Gelegenheit lernte Knopp die Kindertagespflege kennen.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn es um die Betreuung kleiner Kinder geht, dann denken die meisten Eltern an Krippen und Krabbelstuben. Quantitativ liegen sie damit nicht so falsch: Die Kitas decken den größten Teil des Bedarfs. 2008 gab es in Frankfurt knapp 4000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige, etwa 90 Prozent davon in Einrichtungen und nur zehn Prozent in der Tagespflege, wie die Betreuung durch Tageseltern offiziell heißt. Dann kam der Rechtsanspruch auf Betreuung im U3-Alter und mit ihm ein massiver Ausbau des Angebots. Rund 11.000 Plätze gibt es derzeit in Frankfurt. An der Nischenrolle der Tagespflege hat sich nicht viel verändert: Die weitaus meisten Kinder werden in Kitas betreut.

          Kleinere Gruppen bei Tageseltern

          Auch Julika Knopp hatte, nachdem die Kleinfamilie für Lena zu eng wurde, an eine institutionelle Betreuung gedacht. Sie schaute sich mehrere Krippen an, war aber nicht recht überzeugt. Zur selben Zeit traf sie auf dem Spielplatz in der Kuhwaldsiedlung Tageseltern, die dort mit ihren Kindern hinkamen. „Die Gruppen waren kleiner als in einer Kita, ich fand die Atmosphäre persönlicher.“ Besonderes Vertrauen fasste sie zu Tatjana Sych, einer jungen, aber erfahrenen Tagesmutter. Das ist zwei Jahre her, seitdem verbringt Lena an vier Wochentagen je sechs Stunden in „Tatis“ Obhut.

          Zu Sychs Gruppe gehören fünf Kinder im Alter von sieben Monaten bis dreieinhalb Jahren. Bei gutem Wetter geht die Tagesmutter, die aus Weißrussland stammt, aber sehr gut Deutsch spricht, auf den Spielplatz. Dafür hat sie einen speziellen Kinderwagen, in dem vier Sitze hintereinander angebracht sind. Ansonsten betreut sie die Kinder bei sich zu Hause, wo sie ein Spielzimmer eingerichtet hat und selbst das Mittagessen kocht. Demnächst soll auch Lenas Bruder Philipp, der vor kurzem ein Jahr alt geworden ist, in die Gruppe aufgenommen werden.

          Kaum noch Räume, kaum Personal zu finden

          Mit der Betreuung der Pflegekinder ist die Achtunddreißigjährige täglich von 8 bis 18 Uhr beschäftigt. „Aber ich liebe das“, sagt sie. Reich macht der Verdienst sie nicht, doch er ist auskömmlich. Für die Maximalbetreuung eines Kindes, also 45 Stunden je Woche, bekommt sie 1200 Euro im Monat. Allerdings reduzieren sich die Beträge, je mehr Kinder sie aufnimmt. Monatlich kommt sie somit auf 4300 Euro brutto, wovon sie allerdings auch das Essen für die Kinder bezahlen und für sich Sozialversicherungsbeiträge abführen muss.

          Um auf die städtische Betreuungs-Statistik zurückzukommen: Die Tagespflege mag nur eine Nebenrolle spielen, allerdings eine, die entscheidend ist. Zwar wurde in den vergangenen Jahren immer nur vom Krippenausbau geredet, doch prozentual ist die Tagespflege stärker gewachsen. Die Tageseltern tragen so maßgeblich dazu bei, dass die Stadt die Betreuungsgarantie einhalten kann. Noch mehr gilt das für die Zukunft: Ohne Tageseltern wäre es nicht möglich, die von der Politik gesteckten Betreuungsziele, die vielbeschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zu erreichen.

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