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Romantikmuseum in Frankfurt : Im Reich des Sichtbaren und Unsichtbaren

Bildhaft: Jugendliche halten Eindrücke im neuen Romantikmuseum auf ihre Weise fest Bild: Frank Röth

Nun hat das Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt für das Publikum geöffnet: Am ersten Tag im neuen Haus sind die Besucher sehr angetan.

          3 Min.

          Schubert ist gerade erst zwanzig, als er Gretchens Nervenzusammenbruch am Spinnrad vertont. 43 Takte lang, bis zum Vers „Mein armer Sinn ist mir zerstückt“, dann bricht das Lied ab. Jetzt liegt das Notenblatt ganz hinten rechts im dritten Stock des Romantik-Museums in einer Schublade, die man gedankenverloren fast nebenbei aufzieht. Als weiteren Dreh einer Hörstation, die mit Büchern, Klangbeispielen, Bildpostkarten und einer Videoinstallation aus fallendem Schnee rund um Schuberts „Winterreise“ und Wilhelm Müllers „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ eigentlich schon mehr als genug zu denken gibt.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber das Museum schöpft aus dem Vollen einer der besten Romantiksammlungen der Welt, wie Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) es formuliert: „Die Stadt ist stolz auf dieses Juwel.“ Es gibt buchstäblich bis in den letzten Winkel hinein viel zu entdecken im neuen Museum, das am Dienstagmorgen erstmals allen Besuchern offensteht.

          Und sie warten schon. Der sonnige Vormittag passt perfekt zu den Fassadenfarben von Christoph Mäcklers Museumgebäude, bei denen man eher an Mendelssohns „Italienische Sinfonie“ denkt als an seine „Schottische“.

          Multimedial: Besucher an einer interaktiven Station im Romantikmuseum Bilderstrecke
          Romantikmuseum : Im Reich des Sichtbaren und Unsichtbaren

          Das blaue Band, das am Großen Hirschgraben quer über den neuen Haupteingang von Museum und Goethe-Haus gespannt ist, durchschneidet auf Bitten von Anne Bohnenkamp der zufällig ganz vorne stehende Besucher Alexander Reuter. Schließlich soll es ein Museum von allen für alle sein. So haben die vor das Haus getretene Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und die Vertreter von Stadt, Land und Bund es am Abend zuvor beim Festakt im Cantate-Saal formuliert.

          Handschriften, Zeichnungen, Gemälde

          Reuter ist nicht zufällig vorbeigekommen. Er sei ein passionierter Museumsgänger, sagt der Frankfurter beim Gespräch auf der „Himmelsleiter“, der blauen Treppe, auf deren Stufen die Besucher zu den Etagen der Dauerausstellung hinaufschreiten. Reuter ist begeistert: „Ich bin ganz erschlagen.“ Tatsächlich gibt es rund um Handschriften, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Musikinstrumente viel zu sehen, zu lernen und zu begreifen. Und das mit offensichtlicher Freude. Rentner und Schüler nehmen sich Zeit an den zahlreichen Stationen zu den Jahrzehnten zwischen 1749 und 1859, probieren aus, entdecken, betrachten und ziehen Verbindungen zwischen den Exponaten, der vorbildlichen Beschriftung auf Deutsch und Englisch und weiteren Schmankerln.

          Zu ihnen zählt der ironische Dauerkommentar Heinrich Heines, der allenthalben mit aufklappbaren Zitaten vertreten ist. An der Station zum von Sulpiz Boisserée und Goethe beförderten Kölner Dombauprojekt erklärt eine Schülerin mit Kopftuch einem weißhaarigen Mann, wie er QR-Code und Smartphone für weitere Erläuterungen nutzt, nebenan geht es mit Madame de Staël um die Ausbreitung der Romantik quer durch Europa. „C’est bien fait“, sagt eine französische Besucherin anerkennend zu ihrer Freundin.

          Der blau verglaste Erker hin zur Straße, in den man sich setzen kann, um den Blick nicht nach außen, sondern nach innen zu richten, folgt der Maxime, mit deren Hilfe der Architekt Christoph Mäckler in der Spielstätte von Michael Quasts Fliegender Volksbühne am Abend zuvor das von ihm entworfene Museum erklärt hat: „Es macht sichtbar und unsichtbar.“ Ganz im Sinne von Novalis, dessen Romantik-Definition eine von vielen ist, mit denen die Besucher im Spiegelkabinett des zweiten Stocks begrüßt werden, sobald sie die Gemäldegalerie im ersten durchschritten haben.

          Füsslis „Nachtmahr“

          Sie erzählt Goethes Leben in Bildern bis zur Italien-Reise, weist mit Meißener Werther-Porzellan aus dem Jahr 1789, Füsslis „Nachtmahr“ von 1790 und Faust-Ziertellern von 1821, auf denen ein herrlich feuerroter Mephisto flammt, aber auch schon voraus auf die Umwälzungen, die kommen. „Die Kunst, auf eine angenehme Art zu befremden, einen Gegenstand fremd zu machen und doch bekannt und anziehend, das ist die romantische Poetik“, schreibt Novalis 1800. Ihr folgt das Haus. Es zeige einen ganz neuen Goethe, sagt Bohnenkamp. Zusammen mit einer Romantik, die so frisch und innovativ daherkommt, wie Novalis sich das erhoffte. Kein Wunder, dass die Schüler alles andere als zum Goethe-Besuch gezwungen wirken: „Dieses Haus hat allen etwas zu sagen“, sagt Hartwig.

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          Mäcklers Erkerplatz, auf dem man ins Blaue starren kann, ist umgeben von Beethovens Musik, die E. T. A. Hoffmann als „Purpurschimmer der Romantik“ pries, und den Experimenten des Physikers Johann Wilhelm Ritter, der Alessandro Voltas Batterie verbesserte und den Akkumulator erfand. Raumpate ist der Kölner Galerist Karsten Greve, der mit einer Spende von einer Million Euro zu denen zählte, die Bohnenkamp und ihren Mitstreitern an kritischen Punkten des zehn Jahre langen Weges von der Idee bis zur Eröffnung Mut zum Weitermachen gaben. Vier Millionen Euro habe das Hochstift ursprünglich einwerben sollen, sagt Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Forschungseinrichtung: „Deutlich mehr als das Doppelte wurde uns von privater Seite anvertraut.“ Mehr als 1500 Einzelspenden habe das Museum erhalten, sagt Bohnenkamp. Zu ihrer Begrüßung erhebt sich am Montagabend der ganze Saal. Kein Wunder. Schließlich hat sie aus etwas Unsichtbarem etwas Sichtbares gemacht.

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