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Beschwerdechor in Frankfurt : Liederabend für Wutbürger

Beschwerdeführer: Philipp Höhler (Links) hat seinen Chor im Griff. Wichtiger als große Sangeskunst ist im die Begeisterung. Bild: Cornelia Sick

Ob Billigklamotten oder gierige Banker: Der Frankfurter Beschwerdechor singt über alles, was ihn ärgert. Nicht immer in schönsten Tönen, aber mit viel Leidenschaft.

          Wenn es etwas gibt, worüber sich der Leiter des Frankfurter Beschwerdechors nicht beschweren kann, dann ist es die Disziplin seiner Truppe. Die Probenpause neigt sich dem Ende zu, alle stehen noch in Grüppchen beisammen, laut miteinander redend. Einige haben Sektgläser in der Hand und feiern den Geburtstag der Pianistin. Es scheint aussichtslos, die mehr als zwanzig Sänger bald wieder um das Klavier zu versammeln. Doch kaum schlägt Philipp Höhler einen Akkord an, stimmen alle dort, wo sie gerade stehen, das Lied an. „Mir geht’s schlecht, weil heut mal wieder so ein Tag ist, geht’s mir schlecht“, heißt der Refrain. Jammern auf hohem Niveau, über Alltägliches und Politisches - das ist das Motto des Beschwerdechors.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Gemeinschaft, die sich jeden Mittwochabend in einem Hinterhaus an der Eckenheimer Landstraße trifft, singt keine Kantaten von Bach oder Messen von Haydn. In den Texten geht es um all das, worüber sich die Sänger gerade aufregen. Im Kleinen wie im Großen. „Wo wir gerade am Kochen sind, das ist das mit den Billigklamotten. Und natürlich über den Umgang mit den Flüchtlingen“, sagt Georg Belz, der seit drei Jahren im Beschwerdechor mitsingt. „So etwas muss manchmal einfach raus“, findet er.

          Nicht jeder Ton sitzt

          Vor drei Jahren hat er den Chor bei einer Aufführung im Blockupy-Camp gehört. Die hätten da etwas schräg gesungen, aber seien „relativ rege“ gewesen, erinnert sich der 52 Jahre alte Frankfurter. Er fragte sich, warum er nicht einfach mal vorbeigehen sollte. Ganz ohne Chorerfahrung fühlte er sich am Anfang ein bisschen ins kalte Wasser geworfen. Bald aber, nach einigen Proben, traute er sich, ganz einfach zu singen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

          Chorleiter Höhler lächelt, als Belz das erzählt. In der Probe ermutigt er die Sänger, locker zu bleiben, auch wenn einmal ein falscher Ton dabei sein sollte. Wenn Höhler redet, stößt er oft mit seinem ausgestrecktem Zeigefinger in die geöffnete Handfläche. Noch einmal soll der Chor das Lied singen, aber diesmal „mit einem Anflug von Darstellung, bitteschön“.

          Mit schauspielerischem Einsatz

          Die Sänger verziehen auf Geheiß die Miene, schauen traurig und betrübt, wackeln mit den Köpfen hin und her. „Mir geht’s schlecht, weil ich Armut nicht sehen kann, weil ich jetzt auch noch spenden soll“, singen sie. Es ist ein Klagelied reicher Leute, die über ihre nicht ganz ernstzunehmenden Schwierigkeiten im Alltag lamentieren. Im Mai, bei der Rödelheimer Musiknacht, hat der Chor mit diesem Werk den Gewinnern des Kapitalismus seine ironische Reverenz erwiesen: den Hedgefonds-Besitzern, den Steuerhinterziehern, den Banken und den Politikern, die sich bereichern.

          Immer ein bisschen kritisch sind die Lieder, mit eingängigen Melodien und dargeboten mit großem schauspielerischem Einsatz. Denn die Zuschauer sollen zum Mitmachen angeregt werden. Höhler gesteht ein, dass der Beschwerdechor musikalisch sicherlich nicht auf dem Niveau anderer Chöre sei. Aber Spaß hat die Truppe auf der Bühne, es wird auch hin und wieder aus der Reihe getanzt. Glücklich sind die Sänger, wenn die Zuschauer mitklatschen und mitsingen. Seit einiger Zeit werden bei den Auftritten Texthefte ausgegeben.

          Durchweg Individualisten

          Für die Texte hat der Chor ein eigenes Komitee. Alle vier bis sechs Wochen trifft es sich. Aus dem ganzen „Blödsinn“, der dann gesagt werde, würden die neuen Texte entwickelt, sagt Höhler mit verschmitztem Lächeln. Politische Diskussionen gebe es aber selten, meistens werde man sich schnell einig. Der genaue Wortlaut könne auch nach einigen Proben noch abgeändert werden. Von manchen Liedern gebe es daher drei oder vier Versionen.

          Dass sich alle so schnell einigen können, obwohl es durchaus auch einmal Kritik oder ein böses Wort gibt, zeichnet den Beschwerdechor für Höhler aus. Alle Mitsänger seien Individualisten, sagt er. „Vom Postbeamten bis zur Ärztin sind in diesem Chor Leute aus den verschiedensten Ecken versammelt.“ Diese Unterschiedlichkeit sei sehr inspirierend, müsse aber natürlich beim Singen zu einem Ganzen zusammengeführt werden. Besonders dann, wenn die einzelnen Stimmen wieder einmal zu sehr auseinandergehen. Jede Eigenart werde integriert, sagt der Leiter.

          Stolz auf seine inoffizielle Hymne

          Und alle helfen sich gegenseitig. Vor einiger Zeit stand der Beschwerdechor plötzlich ohne Probenraum da. Schnell organisierte eine Mitsängerin einen neuen Raum. Auch privat unterstützen sich die Sänger. „Spontan wird zusammen auch mal ein Umzug gemacht“, sagt Höhler. Einen festen Mitgliedsbeitrag erhebe der Chor nicht. Jeder könne so viel zahlen, wie er wolle. So um die 20 Euro im Monat seien aber schon die Regel. Offen liegt eine Liste aus, in der aufgeführt ist, wie viel jeder gegeben hat.

          Der Chor ist stolz auf dieses transparente System. Ebenso wie auf seine inoffizielle Hymne, das „Beschwerdechorlied“, das die Sänger zum Schluss der Probe anstimmen. Obwohl sie das Lied längst können, singen sie es wieder und wieder. Immer noch ein bisschen schneller, ausgelassener und verrückter. „Beim Chorverein reichst du deine Klage ein, der packt den Zorn in Töne ein, mit Lust den Frust verwursten, für alles immer offen.“

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