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Sehnsucht und Fernweh : Kulturelle Beschränktheit

Reges Treiben: Bis es im Städel wieder so voll sein darf, wird es wohl noch dauern. Bild: dpa

Der Roman über Hugo von Tschudi weckt Fernweh nach Museumsbesuchen und Kultur in jeglicher Form, vor allem in Zeiten von Corona. Auch wenn die Beschränkungen gelockert werden, schmerzt die derzeitige Situation sehr.

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          Haben Sie auch schon Mariam Kühsel-Hussainis Buch über Hugo von Tschudi gelesen? In verführerischem, treibendem Rhythmus erzählt die Schriftstellerin darin von dem Museumsdirektor, der den Impressionismus nach Deutschland brachte, der, als Direktor der Berliner Nationalgalerie, das Land mit der Moderne konfrontierte.

          Cézanne, Manet, Degas: Ohne Tschudi, einen Adeligen aus der Schweiz, hätten es diese Künstler ganz sicher nicht so schnell zu Erfolg gebracht, mit viel Chuzpe und Max Liebermann an seiner Seite kämpfte der Kunstmensch gegen das konservative Geschmacksdiktat, die geistige und ästhetische Enge im Kaiserreich. Fasziniert, ja: elektrisiert habe ich diesen Roman verschlungen. Doch ich muss zugeben, dass mich dabei viel mehr als die schillernde Figur Tschudi die Beschreibungen des Museums, in dem der Direktor die skandalumwitterten Bilder der undeutschen Künstler inszenierte, fesselten. Sie weckten in mir eine Sehnsucht, ein Fernweh, mit denen ich wohl auch noch eine Zeitlang leben werden muss.

          Ach, wie schön wäre es jetzt, einmal wieder durch die Häuser auf der Berliner Museumsinsel zu ziehen. Was gäbe ich dafür, dem Atelier von Cézanne in Aix-en-Provence einen Besuch abzustatten. Die Ferienwohnung direkt um die Ecke war lange reserviert, das verfluchte Virus machte uns einen Strich durch die Rechnung. Immerhin das Städelmuseum, das ja auch einige große Werke von Degas, Monet und Co. in seiner Sammlung hat, macht nun bald wieder auf. Allmählich geht mir diese kulturelle Beschränktheit wirklich auf die Nerven. Ich will wieder raus, die Welt sehen, Kunst entdecken, Theater, Musik. Klar, es ist jetzt Geduld gefragt, aber allmählich schmerzt es doch zu arg. Darüber kann nicht einmal eine so bezaubernde Geschichte wie die des Hugo von Tschudi hinwegtrösten.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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