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Frankfurts Justitia am Römer : Unsere Dame

Strenge und Anmut am Römerberg: Die Göttin der Gerechtigkeit schwingt das Schwert und lässt das Knie unter dem wallenden Kleid hervorblitzen. Bild: Francois Klein

Kein Frankfurter Kulturdenkmal ist so beliebt wie der Gerechtigkeitsbrunnen. Unter den Augen der Justitia zogen Kaiser und Parlamentarier vorbei, sie wurde beschädigt, verspottet und bestohlen. Aber sie hat die Zeiten überdauert.

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          Nur noch wenige Tage, dann ist der Römerberg wieder komplett. Dann wird Justitia aus ihrem engen Plastikkleid befreit, dann soll auf dem wichtigsten Platz der Stadt der wichtigste Wasserspender der Stadt wieder sprudeln. Die Alte Oper ist größer, der Dom älter, die Paulskirche bedeutender, aber an Popularität kann es kein Frankfurter Baudenkmal mit dem Gerechtigkeitsbrunnen aufnehmen. Touristen lieben ihn als Fotomotiv, für Einheimische symbolisiert die den Brunnenstock krönende Göttin der Gerechtigkeit – in der einen Hand das Schwert, in der anderen die Waage – nicht nur Recht und Gesetz, sondern auch die Autonomie der Bürgerstadt Frankfurt.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So empfand es mancher als eine Art unerträglichen Ausnahmezustand, dass Justitia für ein knappes Jahr und kurz zuvor schon einmal für anderthalb Jahre ihren Sockel räumen musste, weil dem Brunnen der Zahn der Zeit und auch der Vandalismus zugesetzt hatten. Historisch betrachtet, ist die Abwesenheit Justitias allerdings gar nicht so außergewöhnlich: Im Laufe der Jahrhunderte ist die Statue ein ums andere Mal verschleppt worden. Und auch der Brunnen hat einiges mitgemacht – immer wieder wurde der mit vier Tugendallegorien versehene Brunnenstock, die Sandsteinbrüstung und das kunstvolle geschmiedete Gitter mutwillig oder fahrlässig beschädigt. Im Schicksal des Brunnens kann man durchaus eine eigene Allegorie auf die Anfeindungen sehen, denen Recht und Gerechtigkeit ausgesetzt sind.

          Der Blick unverstellt auf Frankfurt und die Welt

          Positiv gewendet, könnte man aber auch sagen, dass Justitia die Zeitläufte überdauert hat. Sie war Zeugin, als Kaiser gewählt und gekrönt wurden, an ihr zogen die Abgeordneten der ersten deutschen Nationalversammlung vorbei, sie überstand selbst den Untergang des Rechts im Nationalsozialismus und den Schrecken der Bombenangriffe. Sie erlebte all das mit offenen Augen, denn während ähnliche Statuen eine Augenbinde tragen, richtet sie ihren Blick unverstellt auf das Frankfurter Rathaus und die Welt.

          Otto Rudolf Kissel, der langjährige Präsident des Bundesarbeitsgerichts, ist als gebürtiger Frankfurter ein großer Verehrer der Justitia, die er „unsere Dame“ nennt. In seinem Buch „Die Justitia“ widmet er sich verschiedenen Darstellungen der Gerechtigkeit und deren Symbolik in der bildenden Kunst. Ausführlich reflektiert er dabei über die Metapher der Augenbinde. Für sie spreche zwar das Gebot, ohne Ansehen der Person zu urteilen, andererseits müsse jemand, der ein Richtschwert in der Hand trage, das Geschehene und die Folgen seiner Entscheidung doch überblicken können. „Die Verwirklichung der Gerechtigkeit zugleich mit der Feststellung der Wahrheit ist wohl kaum mit geschlossenen Augen zu erreichen.“

          Sosehr der Römerbergbrunnen heute mit der Justitia verknüpft ist: Seine ersten siebzig Jahre erlebt er ohne sie. Der ehemalige Denkmalamts-Leiter Heinz Schomann lässt in seinem Buch „Die alten Frankfurter Brunnen“, das aus den einschlägigen Werken von Siegfried Nassauer und Hans Lohne schöpft, die Geschichte des Brunnens Revue passieren. Sie beginnt an der Wende des Mittelalters zur Neuzeit, als der Römerberg schon ein paar Jahrhunderte lang Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse gewesen war. Um das Jahr 1540 beschloss der Frankfurter Rat, den Ziehbrunnen auf dem zentralen Platz durch einen repräsentativen „Röhrborn“, einen Springbrunnen mit fließendem Wasser, zu ersetzen. Kurz darauf wurde aus dem Friedberger Feld eine hölzerne Leitung gelegt.

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