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Berufsporträt Schlagzeuger : Kastagnetten, Klanghölzer, Klirrketten

  • -Aktualisiert am

Kann mächtig Lärm machen: Steffen Uhrhan ist Schlagzeuger an der Alten Oper Frankfurt. Bild: Francois Klein

Schlagzeuger müssen ständig dazulernen. Und basteln können. Und unzählige Instrumente beherrschen. Porträt eines Berufsstands.

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          Wenn Jürgen Friedel seinen Spind öffnet, hat er sofort alle Gongs der Frankfurter Oper im Blick. Dort, wo andere vielleicht ein Pin-up befestigen, hat der Schlagzeuger einen Zettel aufgehängt: ein Blatt mit den Buchstaben für die Töne, die die im Opernhaus vorhandenen 25 runden, in der Mitte gebuckelten Metallplatten nach dem Anschlagen von sich geben. Der Spind steht mitten im Stimmzimmer der Schlagzeuger am Willy-Brandt-Platz. Denn alle Wände des Raumes sind bereits besetzt – mit übervollen Regalen und Stahlschränken. In großen, sorgfältig beschrifteten Schubladen lagern Rasseln und Ratschen, liegen Kastagnetten und Klanghölzer, finden sich Woodblocks genannte Quader aus Hartholz sowie Dutzende unterschiedlicher Hämmer und Schlegel.

          Wie viele Schlaginstrumente er in den vergangenen 33 Jahren im Opern- und Museumsorchester schon gespielt hat, kann Friedel nicht sagen. Das Instrumentarium werde für jedes Stück neu zusammengestellt. Und falls nötig angepasst. „Schlagzeuger“, sagt Friedel, „müssen ständig dazulernen, und sie müssen basteln können.“ Er zeigt auf zwei Handrechen aus Metall. Die habe er im Gartencenter gekauft, sagt der 57 Jahre alte Musiker. Denn der Klang, den der von Richard Strauss für die Oper „Salome“ verlangte Triangelstab auf einem Tamtam verursache, sei viel zu leise. Deshalb sei der große Gong bei den Aufführungen in dieser Spielzeit, die bald danach von der Corona-Pandemie unterbrochen wurde, mit Gartenrechen zum Klingen gebracht worden. Falls sich für die neuen Klangwerkzeuge im Stimmzimmer auf Dauer kein Platz findet, landen sie vielleicht in einem der zwei riesigen, ebenfalls übervollen Instrumentenlager der Oper. Ständig zu wenig Platz und darüber hinaus kein eigener Raum zum Üben: „Die Arbeitsbedingungen“, sagt Friedel, „könnten besser sein.“

          Immer höhere Anforderungen an die Spieltechnik

          „Das Schlagzeug entwickelt sich ständig weiter“, ergänzt sein Kollege Steffen Uhrhan, der nach einem Studium im südwestdeutschen Trossingen und weiteren Jahren als Stipendiat der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker seit 2012 Ensemblemitglied ist. Anders als vor etwa 20 Jahren gehöre das Marimbaphon, jenes Stabspiel, bei dem die Töne durch Resonanzröhren verstärkt werden, heute zur Standardausrüstung. Damit würden auch die Anforderungen an die Spieltechnik immer höher. „Was ich bei der Abschlussprüfung gespielt habe, wird heute bei ,Jugend musiziert‘ geboten“, sagt Friedel, der seit 2005 auch einen Lehrauftrag an der Frankfurter Musikhochschule hat. Seine musikalische Laufbahn allerdings hat er wie der 20 Jahre jüngere Uhrhan gestartet: in einer Blaskapelle im Südwesten Deutschlands.

          Wer sich nach sechs Semestern Bachelor- und vier Semestern Masterstudium auf eine Schlagzeugerstelle im Orchester bewirbt, muss nicht nur die traditionellen Klangwerkzeuge beherrschen, wie sie Strauss und andere Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzten: Triangel, Becken, Tamtam, Tambourin, Kleine und Große Trommel, Glockenspiel, Kastagnetten, Xylophon – und Pauken. „Aber Pauke“, sagt Friedel, „ist etwas ganz anderes.“ Gehört dieses Instrument mit seiner vornehm-adligen Vergangenheit, das geheimnisvoll grollen, aber auch heroisch losdonnern kann und fast immer mitspielen darf, also nicht zur Familie der Schlaginstrumente? Doch, beruhigt der Fachmann. Aber für die Pauke sei im Sinfonieorchester ausschließlich der Pauker zuständig: „Wir dagegen dürfen alles spielen.“

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