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Berufsorientierung : Auch nicht anders als Nägel feilen

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Auf Praktika-Suche: MGA-Geschäftsführer Thomas Gruber erläutert den jungen Interessenten ein Werkstück Bild: Cornelia Sick

Auf der Suche nach Plätzen für Praktika besuchen junge Flüchtlinge einen Metallbaubetrieb. Die Arbeit interessiert sie, doch eine Sache finden Mädchen befremdend.

          Masoud Daoud ist ziemlich nervös. Der 24 Jahre alte Syrer lebt seit zwei Jahren in Deutschland in einer Gemeinschaftsunterkunft in Kriftel. Er möchte gerne eine eigene Wohnung finden, aber das ist nicht einfach. Vermieter wollten immer sofort einen Arbeitsvertrag sehen, sagt er. Also bemüht er sich, den auch vorweisen zu können. In Syrien hat er gemeinsam mit seinem Vater als Elektriker gearbeitet. Zur Betriebsbesichtigung beim Kelkheimer Familienunternehmen MGA hat er seine Bewerbungsunterlagen mitgebracht und abgegeben.

          Er gehört zu einer aus 25 Personen bestehenden Gruppe. Diese ist mit Juliane Chudzinski als Projektleiterin der berufsbezogenen Sprachförderung der Volkshochschule des Main-Taunus-Kreises zu der Firma gekommen, um in Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft auszuloten, ob einige der Flüchtlinge bei dem Anlagenbauer ein einmonatiges Praktikum absolvieren können. Denn nicht nur Sprachvermittlung, sondern auch Eingliederungshilfe ins Berufsleben gehört zu dem Projekt, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird. Am 9. Januar sollen die Praktika beginnen, doch längst nicht alle Teilnehmer haben auch einen Platz. Bislang haben sie soziale Einrichtungen besucht, auch eine große Druckerei, doch MGA ist das erste mittelständische Handwerksunternehmen, das die Gruppe zu einer Führung eingeladen hat.

          Bemühungen um Nachwuchs im Handwerk und gute Aussichten

          Dass er nicht nur ein Praktikum sucht, sondern anschließend auch eine Lehrstelle, hebt Masoud Daoud hervor. Eifrig steht er an der Werkbank, misst Metallstangen ab, verdreht sie in einer Schraubzwinge, bohrt ein Loch und versieht das Ganze mit seinen Initialen. Schlüsselanhänger aus Metall darf die Gruppe im Alter von 15 bis 25 Jahren beim Schnupperbesuch anfertigen.

          Der Metallbaubetrieb mit mehr als 30 Mitarbeitern stellt vor allem Armaturen für Anlagen her, beliefert Mercedes und andere deutsche Unternehmen mit passgenauen Teilen für deren Produktion. Geführt wird er von den Inhabern Thomas Gruber und seiner Schwester Petra Trapp. Seniorchef Josef Gruber hat das Unternehmen vor einigen Jahren an seine Kinder übergeben.

          „Überall im Handwerk wird verzweifelt Nachwuchs gesucht, die Betriebe verabschieden sich langsam von der Vorstellung, dass der von allein kommt“, sagt Dimitri Mayer, stellvertretender Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Main-Taunus. Er sieht in solchen Betriebsbesichtigungen eine Chance, junge Flüchtlinge ins Handwerk zu bringen. Schließlich sei das für beide Seiten ein Gewinn: „Wir müssen versuchen, sie in eine richtige Ausbildung zu bringen, sonst werden sie langfristig verlieren.“ Dass ein Handwerksmeister meist mehr verdiene als ein Ingenieur, bestätigt auch Gruber.

          Raum für Frauen?

          Die 18 Jahre alte Salwa zeigt sich zunächst wenig interessiert an der Besichtigung. Seit zwei Jahren lebt die Syrerin in Deutschland, spricht im Gegensatz zu einigen ihrer männlichen Begleiter sehr flüssig Deutsch und teilt jedem gern ihre Einschätzungen mit. „Hier gehen bestimmt die Nägel kaputt, und die Luft ist nicht gut für die Haut“, sagt sie und zeigt ihre fein manikürten Finger vor. Sie möchte lieber eine Ausbildung „im medizinischen Bereich“ machen. Doch als es an die Produktion der Schlüsselanhänger geht, vergisst sie die goldenen und blutrot gestylten Fingernägel und legt begeistert los.

          Beim Abfeilen des metallischen Grats ist sie flinker als andere und erklärt Konstruktionstechniker Fadil Beka, dass das schließlich auch nicht anders sei als beim Nägelfeilen. Da muss er lachend passen, denn das mache er eigentlich nie. Gleich wird sie noch ein zweites Teil bearbeiten, hat aber zuvor noch eine brennende Frage, die sie nur ganz leise an die Begleiter richtet. „Warum hängen da überall nackte Frauen?“ Die Arbeiter gucken ein wenig verdruckst zu Boden und auf die vergilbten Blätter eines uralten Pin-up-Kalenders. Die Antwort bleibt aus.

          Die Qual der Wahl

          Umair Ahmed betätigt sich als Hilfslehrer und klärt seine Mitschüler aus dem Sprachkurs darüber auf, dass sie gerade eine Metallfeile in die Hand nehmen. „Wie heißt das?“, lautet eine ständig wiederkehrende Frage. Der 21 Jahre alte Pakistani ist seit fünf Jahren in der Bundesrepublik, spricht fließend Deutsch, hat den Realschulabschluss an der Brühlwiesenschule gemacht. Danach hat er als Security-Mann gearbeitet, will nun aber unbedingt eine ordentliche Ausbildung absolvieren. „Ich will Feuerwehrmann werden“, sagt er. Bei der Frankfurter Berufsfeuerwehr habe man ihm gesagt, dass er dazu zuvor eine andere Ausbildung abschließen müsse. „Am liebsten etwas mit IT“, ergänzt er. Bewerbungen habe er schon massenhaft verschickt, auf eine positive Antwort warte er noch.

          Thomas Gruber und seine Schwester freuen sich am Ende darüber, dass sich spontan drei der jungen Leute für ein Praktikum beworben haben. Von August 2018 an haben sie auch mindestens eine Lehrstelle zu besetzen. Masoud Daoud hätte dafür am liebsten gleich eine Zusage. Doch die Unternehmer wollen noch abwarten, ob sich noch ein paar weitere Bewerber aus dem Kreis der Besucher finden, und dann sorgfältig aussuchen.

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          Über das Interesse und die Fähigkeiten der Flüchtlinge sind sie froh. „Einer hat sich gleich an die Drehbank gestellt und mitgemacht“, haben sie beeindruckt beobachtet. Auch die MGA-Mitarbeiter nicken anerkennend, als Masoud für andere Teilnehmer die Endfertigung der Metallanhänger übernimmt. Er stellt sich geschickt an. Vielleicht klappt es ja doch für ihn, zumindest mit einem Praktikum.

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