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Berliner Intendant : Transatlantische Stilmischung

Verführung oder Unschuld? Barrie Koskys Inszenierung von Bizets Oper „Carmen“ mit Paula Murrihy. Bild: Barbara Aumüller

Der Regisseur und Berliner Intendant Barrie Kosky spricht über die Unterschiede von „Carmen“ und „Salome“ und seine Faszination für die jiddische Operett.

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          Klavierkonzerte von Rachmaninow könne er nicht spielen, sagt Barrie Kosky. Er sei kein Tastenvirtuose, sondern spiele lieber kontemplative oder melancholische Stücke am Klavier. Allerdings hat der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, der am Dienstag in der Oper Frankfurt die Sängerinnen Helene Schneidermann und Alma Sadé in einem Programm mit jiddischen Operettenliedern begleitet, schon mit fünf Jahren den ersten Klavierunterricht erhalten und in seiner Heimatstadt Melbourne an der Universität dann sogar Klavier studiert. Die Absicht, Konzertpianist zu werden, habe er aber nie gehabt und das Studium auch nicht abgeschlossen. Vielmehr gründete er noch in Australien ein Studententheater und setzte schon früh Theaterstücke und Opern in Szene. Bevor er 2012 seine Intendantenstelle in Berlin antrat, habe er jedoch noch relativ viel am Klavier geübt. Heute komme er dazu nur noch selten. Wenn er Zeit habe, spiele er ein, zwei Stunden, wobei Bach, Mozart und Schumann seine Lieblings-Klavierkomponisten seien.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seine Eltern seien keine Musiker oder irgendwie künstlerisch tätig gewesen, hätten ihn jedoch sehr unterstützt. Eine künstlerische Ader rühre nur von seiner jüdischen Großmutter her, die aus Warschau stammte und 1902 nach London gekommen sei. Dort seien alle seine Großonkel an den jiddischen Theatern tätig gewesen, professionell als Librettisten oder Clowns. „Es ist keine Überraschung, dass das zu mir zurückkommt“, findet Kosky, der mit leichtem Akzent sehr gut Deutsch spricht. Nach seiner Uni-Zeit habe er durch seine Großmutter und bei einem Besuch in Israel Interesse entwickelt an der alten Theaterkultur in der jiddischen Sprache, die aus dem Mittelhochdeutschen hervorging und sich über Jahrhunderte mit anderen europäischen Sprachen mischte. Im 19. Jahrhundert habe sich die jiddische Kultur in Europa dann kräftig entwickelt, und nach dem Ersten Weltkrieg habe es in den zwanziger und dreißiger Jahren eine Blütezeit gegeben mit besonders starkem Einfluss auf den Expressionismus. Mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft sei das 1933 alles beendet worden.

          Wiederentdeckung einer Unterhaltungskultur

          An der Komischen Oper in Berlin setzt sich Kosky seit vielen Jahren für die Wiederentdeckung dieser in Deutschland gekappten Unterhaltungskultur ein. Operetten von Emmerich Kálmán und Paul Abraham hat er zur Aufführung gebracht und erst kürzlich die Rekonstruktion der letzten Operette eines jüdischen Komponisten in der Weimarer Republik, die 1933 in Berlin uraufgeführten „Frühlingsstürme“ von Jaromir Weinberger. Sein Liederabend-Programm, das durchweg in Amerika von jüdischen Emigranten geschriebene Musik präsentiert, entstand schon vor fünf Jahren und wurde zu einem so großen Erfolg, dass er die jiddischen Songs von hier unbekannten Komponisten wie Abraham Ellstein oder Joseph Rumshinsky seither jährlich und in vielen Städten begleitet hat.

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