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Bergstraße-Odenwald : Der Zusatz „Unesco“ als Adelstitel

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Steinreich: Das Felsenmeer im hessischen Odenwald lässt die Geologen Erdgeschichten erzählen. Im Tal steht eines der großen Geopark-Informationszentren. Bild: Frank Röth

Der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald trägt ein Unesco-Label. Er hat die wissenschaftliche Geologie im Blick. Doch er macht auch zahllose bodenständige Angebote.

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          Die Burgunder hatten dort ihr Jagdgebiet, an einer der vielen nach ihm benannten Quellen wurde Siegfried erschlagen, Wolfram von Eschenbach schrieb hier den „Parzival“. Umkämpft war der Odenwald eigentlich nie, große Burgen und Schlösser sucht man in dem Mittelgebirge vergebens, findet sie mit Ausnahmen nur am Rande. Mehr als im wahrsten Sinne des Wortes steinreich ist der Landstrich nicht. Doch er hebt jetzt seine Schätze: Landschaft, Geologie, Natur und Kultur.

          Wer am Rande der großen Zentren liegt, tut gut daran, mit vielen kleinen Schritten voranzukommen und eigene Stärken zu entwickeln. Die Anfänge gehen auf das Jahr 2000 zurück, als der frühere Direktor des Frankfurter Senckenberg-Museums, Fritz Steininger, die Idee entwickelte. Sie zündete: Der Naturpark Bergstraße-Odenwald erhielt 2002 das Prädikat „Europäischer Geopark“, ein Jahr später wurde er Nationaler Geopark, seit 2015 trägt er das Label „Unesco Global Geopark“ und findet sich dabei weltweit in der Gesellschaft von 120 anderen Parks.

          Auch an Mountain-Biker ist gedacht

          Das kam nicht von ungefähr, denn der als gemeinnütziger Verein organisierte Zusammenschluss mit Geschäftsstelle in Lorsch hatte dafür kräftig gearbeitet. Ihm gehören inzwischen 105Städte und Gemeinden an, darunter Darmstadt und Heidelberg, sowie sieben Landkreise in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg.

          Was sie eint, klingt zunächst sehr kopflastig, doch die Wirklichkeit sieht weit weniger wissenschaftlich aus. Das lässt sich am Programm erkennen und daran, dass die Mitarbeiter, wie sie einmal sagten, 95Prozent Wissenschaft wegnehmen mussten, um ihre Anliegen möglichst vielen Menschen nahezubringen.

          Bild: F.A.Z.

          So gibt es aktuell 38 Mountainbike-Strecken, die der Geopark angelegt hat und betreut, Landschaftsführungen, Genuss-Wanderungen, 6000 Kilometer markierte Wanderwege, mehr als 30 Erlebnispfade, Geopunkte, besonders ausgezeichnete Geotope, aber auch 20 Eingangstore, Informationszentren und umweltpädagogische Stationen. 45 eigens ausgebildete Geopark-Ranger lassen sich buchen oder stehen an markanten Punkten zu Führungen und zur Auskunft bereit: im hessischen Ried, an der Bergstraße, im Neckar- und im Maintal, auf touristisch interessanten Plätzen im zentralen Mittelgebirge wie dem berühmten Felsenmeer bei Reichenbach im Odenwald. In dem Geo-Naturpark, der sich etwa über ein quadratisches Gebiet von jeweils 70 Kilometer Seitenlänge vom Rhein zum Neckar und fast bis ans Taubertal erstreckt, wird das Programm stark wahrgenommen.

          Auch Tabakanbau im Ried

          600 Punkte listet es für dieses Jahr auf, häufig in Kooperation mit Partnern. So an diesem Wochenende die Eröffnung des Waldkunstpfades in Darmstadt, in Zwingenberg eine Planwagenfahrt zum Fürstenlager, einen Imkerkurs in Otzberg, eine Waldführung in Kleinheubach, einen Laborbesuch für Familien mit Kindern zu Farben der Natur im Bioversum Kranichstein in Darmstadt. Hinzu kommen der Sonnenaufgang über dem Odenwald in Heidelberg-Ziegelhausen, eine Sonntagswanderung zwischen Walldürn, dem Freilichtmuseum Gottersdorf und Amorbach mit zwei Startpunkten und gemeinsamer Mittagsrast.

          Ausblick: Das Auerbacher Schloss oberhalb der Bergstraße
          Ausblick: Das Auerbacher Schloss oberhalb der Bergstraße : Bild: Frank Röth

          Am Anfang stand die Verpflichtung, die Landschaft für Geo-Touristen zu erschließen, Informationen über Landschaft und Umwelt zu liefern, das geologische Erbe zu schützen, aber auch der regionalen Wirtschaft Impulse im sogenannten sanften Tourismus zu geben. Man einigte sich auf das Thema „Zwischen Granit und Sandstein – Kontinente in Bewegung“. Der Anspruch bleibt hoch. Als Geopark will man 500 Millionen Jahre der Erdgeschichte ins Bewusstsein heben, Einblicke geben in komplexe Zusammenhänge. Doch dann ist man auch bodenständiger, versucht zu zeigen, wie sehr das geologische Erbe als Grundlage dient für die Besiedelung und Nutzung der Erde.

          Die Gesteine sollen Erdgeschichten erzählen. Dazu dienen als Grundlage Geotope, worunter beispielsweise Steinbrüche, Klippen und Stollen zu verstehen sind. Sie verweisen auch darauf, dass der Spargel- und Tabakanbau im Ried auf sandigen Böden fußt, dass Weinreben auf Löß gut wachsen, dass die Holzindustrie ihre waldigen Voraussetzungen braucht, dass regionaltypisches Essen und Trinken nicht von ungefähr kommt. Und die Siedlungsstruktur des ländlichen Raumes passt sich den Landschaftsformen und den Witterungseinflüssen an.

          Ausmaße des Odenwalds oft nicht bekannt

          In dem 3500 Quadratkilometer großen Gebiet gilt das Geopark-Programm nicht nur Einheimischen als Vorschlag für anspruchsvolles Freizeitvergnügen. In der Geschäftsstelle wird genau registriert, dass inzwischen immer mehr Anfragen nach Informationen und dem Newsletter von außerhalb kommen, auch von jenseits der nahen Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar. So ist im Rhein-Main-Gebiet oft nicht bekannt, dass der Odenwald weit über Erbach und Michelstadt hinausreicht und sich über den Neckar ins Badische und fast bis zur Tauber erstreckt. Umgekehrt liegt Besuchern aus dem Stuttgarter Raum oder der Schweiz der hessische Odenwald recht fern.

          15 Personen sind bei der Geschäftsstelle in Lorsch beschäftigt, darunter ein Geschäftsführer. Die Leitung obliegt dem Vorstand, an dessen Spitze der Landrat des Kreises Bergstraße, Christian Engelhardt (CDU), steht. 1,5 Millionen Euro stehen im Haushalt bereit, sie müssen von dem gemeinnützigen Verein auch ausgegeben werden. Die wichtigen Entscheidungen treffen die halbjährlichen Mitgliederversammlungen. In den einzelnen Kreisen verteilen Gebietsausschüsse Projekte und sorgen für die Verteilung von Geld.

          Woher das Geld für den Park kommt

          Die Hälfte des zur Verfügung stehenden Geldes kommt von den Mitgliedern, ansonsten bemüht sich der Geopark um Förderung durch Länder, Bund und der EU. Dabei gilt es auch, zu erkennen, wo sich Fördertöpfe auftun, wofür die zunehmende Vernetzung innerhalb des Gebietes hilfreich ist. Der Geo-Naturpark bringt Akteure zusammen, die gleiche Interessenlagen haben, die aber sonst nicht zueinander gefunden hätten, und vergrößert die Zielgruppen.

          Das hilft der Vermarktung regionaler Produkte, dient aber auch dem Tourismus. Als Reiseunternehmen versteht sich der Geopark allerdings nicht, mehr als Partner, der Angebote macht, die Hotels und Gastronomie nutzen können, beispielsweise Führungen in früheren Bergwerken.

          Die Unesco-Aufwertung versteht die Geschäftsstelle als Adelstitel. Damit spiele man in einer anderen Liga.

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