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Bergstraße in Hessen : Wo die Freiheit daheim ist

Die Wiege liberaler Gedanken: In Heppenheim an der Bergstraße wurde der Revolution der Weg bereitet Bild: Lucas Bäuml

Auf dem Weg zum Paulskirchen-Jubiläum haben Leser der Rhein-Main-Zeitung eine Reise an die Bergstraße gemacht. Dort wurde der Grundstein für die Revolution von 1848 gelegt und für offene Handelswege gekämpft.

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          Liberale Gedanken haben es in unruhigen Zeiten schwer; das ist heute so – und vor fast 175 Jahren war es nicht anders. Auf dem Weg zum Paulskirchen-Jubiläum, das in drei Jahren an die Revolution von 1848/49 erinnern wird, kann man sich als Frankfurter schon jetzt auf die Reise zu Orten machen, an denen das freiheitliche Gedankengut geboren und kanalisiert wurde. Denn diese Orte sind nicht weit entfernt. Heppenheim an der Bergstraße zum Beispiel. Eine Gruppe von F.A.Z.-Lesern hat dort mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) als Reiseführer Station gemacht.

          Heppenheim wäre zwar auch nur für Weintrinker eine Reise wert, etwa um den bekannten Roten Riesling auf dem Marktplatz zu probieren. Aber historisch Interessierte finden das wahre Füllhorn vor: Im Gasthof „Zum halben Monde“, der 2011 als Tagungshotel neu eröffnet wurde, hat 1847 die Heppenheimer Tagung stattgefunden. Ein Frankfurter Oberbürgermeister kann hier vor allem an Heinrich von Gagern erinnern, den Namensgeber des entsprechenden Gymnasiums der Stadt, der zu den bekanntesten Oppositionspolitikern im Deutschen Bund gehörte und der profilierteste Verfechter einer konstitutionellen Monarchie war. Gagern hat in Heppenheim mit 17 Mitstreitern die Grundlage für die revolutionäre Bewegung gelegt, und damit auch dafür, dass er 1848 sogar Präsident der Nationalversammlung, Reichsministerpräsident sowie Ministerpräsident des Großherzogtums Hessen wurde.

          Kapitulation unter dem Druck der Verhältnisse

          Ein wesentliches Diskussionsergebnis der Heppenheimer Tagung war die Forderung nach der Schaffung eines deutschen Nationalstaats und der Gewährung von Bürgerrechten. Diese Forderungen können nach Auffassung der Historiker als Programm der gemäßigten bürgerlich-liberalen Kräfte vor der Märzrevolution angesehen werden: „Das Treffen wurde zum Wegbereiter der Frankfurter Nationalversammlung“, sagt Feldmann – und an der Bergstraße erfährt man auch, was passierte, als die Nationalversammlung schon im Juni 1849 unter dem Druck der Verhältnisse kapitulieren musste.

          Badische Truppen solidarisierten sich zwar mit den Aufständischen, sie bleiben mit dieser Entscheidung aber allein. Die Mächte der Restitution eroberten sich, gestützt auf das Militär, auch auf das hessische, ihre Verfügungsgewalt zurück. Für Feldmann und seine Zuhörer ist das an diesem Tag ein ambivalenter Eindruck: Zum einen, so könnte man vermuten, haben die Deutschen danach für lange Zeit die Lust daran verloren, aufsässig zu sein. Zum anderen ließ sich die Uhr aber auch nicht mehr vollständig zurückdrehen. Die Frankfurter Reichsverfassung setzte Maßstäbe für die spätere Verfassungsentwicklung Deutschlands. Der Grundrechtskatalog von 1949 bezieht sich fast wortgleich auf die Grundrechte der Paulskirche. Und in Heppenheim, im Gasthaus „Zum halben Monde“, haben Gagern und seine Mitstreiter die Weichen dafür gestellt. Die FDP hat das im Nachkriegsdeutschland dazu inspiriert in Heppenheim am 10. Dezember 1948 ihren Gründungsparteitag abzuhalten.

          Wichtige Handelsbeziehungen

          Die Frankfurter Verbindungen zur Bergstraße haben aber nicht nur mit der Revolution 1848/49 zu tun, sondern auch mit der für den Handels- und Messeplatz Frankfurt stets wichtigen Frage offener Handelswege. Über die Bergstraße kamen Güter aus dem Süden, für lange Zeit waren die Kaufleute aber mit vielen Zollschranken und manchmal sogar schlimmeren Hürden konfrontiert. Davon zeugt die erste Station der Reise, die Gemeinde Seeheim-Jugenheim. Diese ist zwar noch jung, sie entstand erst Anfang 1977. Aber die Frankfurter „kennen“ die Gegend schon länger, was ein Besuch beim dortigen, engagiert geführten Museumsverein beweist. Denn in Seeheim-Jugenheim steht die Burg Tannenberg. Nach Fehden der Kronberger aus dem Taunus mit den Städtern aus Frankfurt verlegte Ende des 14. Jahrhunderts Hartmut der Jüngere von Kronberg mit 30 Helfern und Knechten seinen Wohnsitz dorthin.

          Von da an wurde die Burg zu einem Sitz von Raubrittern, von dem aus Überfälle und Plünderungen unternommen wurden. Das aber wollten die Frankfurter nicht auf sich sitzen lassen: In einer Allianz mit anderen Städten belagerten sie im Jahr 1399 die Burg und griffen sie mit einem schweren Geschütz an, einer 3500 Kilogramm schweren Steinbüchse. Zurückgeschossen wurde vorher mit modernsten Handfeuerwaffen, der Tannenberger Büchse. Die Burg Tannenberg ist eine der ersten deutschen Burgen, deren Zerstörung durch Feuerwaffen sich im archäologischen Fundmaterial eindeutig erkennen lässt. Und alles stand im Zeichen offener, auch damals längst internationaler Handelswege. Wenn man so will, ging es hier schon um Freiheit, wenn auch um die Freiheit der Kaufleute.

          Die Beziehungen von Frankfurt zur Bergstraße verlaufen seither jedenfalls friedlich und befruchtend. An allen Orten werden die F.A.Z.-Leser von örtlichen Bürgermeistern, Stadtverordneten oder Dezernenten empfangen. Wie es sich für wahre Demokraten im Geist der Revolution von 1848 gehört, spielen Parteizugehörigkeiten dabei keine Rolle: In Seeheim-Jugenheim begrüßt den umstrittenen Frankfurter SPD-Oberbürgermeister herzlich der Kollege Alexander Kreissl von der CDU, in Zwingenberg Bürgermeister Holger Habich von der FDP. Bürgermeister dieser Partei wiederum gibt es in Deutschland eher selten.

          Aber wo sonst, wenn nicht hier, in der Wiege des deutschen Liberalismus, der auch im ehemaligen Hotel „Bunter Löwe“, das heute ein Gast- und Versammlungshaus ist, seine Spuren hinterlassen hat. In Zwingenberg wurde 1819 der Grundstein für die erste hessische Verfassung gelegt. Dass Goethe auf diesem Weg auch schon überall war, soll nicht unerwähnt bleiben – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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