https://www.faz.net/-gzg-qeli

Benedikt XVI. : Ratzinger und die Bischöfe - ein schwieriges Verhältnis

  • -Aktualisiert am

Franz Kamphaus - lächelt hintergründig Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Limburger Bischof Franz Kamphaus dürfte enttäuscht sein: Kein Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, kein Afrikaner. Das hatte er sich gewünscht. Und nun ist es ganz anders gekommen.

          3 Min.

          Der Limburger Bischof Franz Kamphaus dürfte enttäuscht sein: Kein Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, kein Afrikaner.

          Das hatte er sich gewünscht. Und nun ist es ganz anders gekommen. Ein Deutscher ist Papst geworden, und einer, den Kamphaus und sein Amtsbruder in Mainz, Karl Kardinal Lehmann, aus den vergangenen Jahren sehr gut kennen. Aus Diskussionen, Dokumenten, Briefen. Sie haben dabei seine Durchsetzungskraft als Präfekt der Glaubenskongregation zu spüren bekommen.

          Der Konflikt um den Schwangerschaftskonflikt

          Ein Fall, der für viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgte, war der aus Gewissensgründen geäußerte Widerspruch von Kamphaus gegen den vom Papst verfügten Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung. Im März 2002 war der Limburger Bischof der Anordnung aus dem Vatikan schließlich gefolgt.

          Ratzinger hat in dieser Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle gespielt - sowohl was die Ausstiegsverfügung angeht, als auch, wie es heißt, was den Verbleib von Bischof Kamphaus im Amt betrifft. Ein Rücktritt war damals alles andere als ausgeschlossen.

          Kommunion für Wiederverheiratete

          Etwas länger schon liegt ein Streit zurück, an dem auch Lehmann - damals noch nicht Kardinal - beteiligt war. 1994 hatte Ratzinger geschiedenen Katholiken, die wieder geheiratet haben oder in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben, untersagt, die Kommunion zu empfangen. Sein Schreiben war eine Antwort auf eine Initiative der drei Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz, Erzbischof Oskar Saier (Freiburg) sowie der Bischöfe Walter Kasper (Rottenburg-Stuttgart, heute Kurienkardinal) und Karl Lehmann (Mainz).

          Unter Verweis auf eine eingehende Gewissensprüfung der geschiedenen Wiederverheirateten hatten sie 1993 in einem Hirtenbrief deren Teilnahme an der Kommunion nicht ausgeschlossen. Die Antwort Ratzingers fiel seinen Überzeugungen und seinem Amt gemäß unmißverständlich aus. In einem Begleitschreiben, das die drei Bischöfe zusammen mit dem Brief aus Rom in ihren Diözesen publizierten, wird wiederum Kritik an der Glaubenskongregation laut. Dort heißt es, daß "das kirchliche Lehramt umstrittene Lehrmeinungen nicht immer negativ-defensiv zurückweisen soll, sondern die in Frage gestellte Sache selbst positiv entfalten muß".

          Für den Papst waren Ratzingers Schreiben wichtig

          Daß Ratzingers Beiträge, gerade im Verhältnis zur deutschen Kirche, für den Papst unverzichtbar waren, wurde auch offenkundig, als Johannes PaulII. im März 2001 in einem Brief an die deutschen Kardinäle explizit auf zwei Schreiben des Präfekten der Glaubenskongregation verwies: auf dessen Brief über die wiederverheirateten Geschiedenen und sein Schreiben "Dominus Iesus", das im Jahr 2000 in der Ökumene für erhebliche Verstimmung gesorgt hatte.

          Der Papst wollte gegenüber den deutschen Kardinälen - Lehmann war der Titel erst kurz zuvor verliehen worden - seine Sorge über die Kirche in Deutschland zum Ausdruck bringen. Die Prinzipien für ihr Tun sollten die Ratzingers sein. Lehmann, seit 1987 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hatte jenes Schreiben - manche sprachen von einem "blauen Brief" - auch allen anderen Bischöfen zukommen zu lassen.

          „Mit dem Papst kamen wir ganz gut aus...“

          Wie zentral die Rolle Ratzingers als Präfekt der Glaubenskongregation war, zeigt ein Diktum, das im deutschen Episkopat kursierte: "Mit dem Papst kamen wir ganz gut aus, schwierig wurde es erst, als Ratzinger beteiligt war." Und die Tatsache, daß Kamphaus mitunter viel Zeit ins Land gehen ließ, bis er sich zu Dokumenten wie "Dominus Iesus" äußerte, oder allenfalls allgemeine Stellungnahmen abgab, spricht für sich, ebenso sein kürzlich geäußerter Wunsch nach einer Stärkung der "relativen Selbständigkeit" der Bischofskonferenzen gegenüber dem Vatikan.

          Streit um das gemeinsame Abendmahl

          Allerdings darf man Gegensätze auch nicht konstruieren. So vertrat Kamphaus im Streit um das "Feierabendmahl" beim Evangelischen Kirchentag in Frankfurt vor vier Jahren eine Linie, für die Ratzinger auch nicht nachdrücklicher hätte stehen können. Der Bischof untersagte Katholiken die Teilnahme an jener evangelischen, besonders gestalteten Abendmahlsfeier.

          Es mag sein, daß er im sich damals verfestigenden Streit über die Schwangerenkonfliktberatung kein weiteres Einfallstor für Kritik aus Rom öffnen wollte. Doch die Anspannung, mit der der Bischof bei jenem Kirchentag an Fronleichnam - mit Wissen des Nuntius - eine gemeinsame liturgische Feier mit Vertretern der evangelischen Kirche hielt, zeigte überdeutlich die Grenzen des ökumenischen Engagements von Kamp- haus.

          Kamphaus sieht Ratzinger als „geistlichen Menschen“

          Er habe Ratzinger nicht als Manager, Diplomaten oder Kirchenstrategen kennengelernt, sondern als einen geistlichen Menschen, schrieb der Limburger Bischof in einer ersten Stellungnahme nach der Wahl. Viele mögen das anders sehen, und die Formulierung sorgte auch in seinem engeren Umfeld für Stirnrunzeln. Doch er blieb dabei, und dies vermutlich wirklich nicht aus irgendwelchen strategischen Gründen.

          Papst Benedikt XVI. wird die Zukunft der katholischen Kirche in der Rhein-Main-Region in naher Zukunft wesentlich beeinflussen: über Personalentscheidungen nämlich. In den nächsten sechs Jahren stehen die Neubesetzungen der Bischofsstühle von Limburg und Mainz an. Im Februar 2007 erreicht der Limburger Bischof das 75.Lebensjahr, mit dem die Bischöfe nach dem Kirchenrecht dem Papst ihren Rücktritt anbieten müssen, bei Lehmann ist dies im Mai 2011 der Fall. Die neuen Bischöfe werden vom Papst ernannt, einem Papst, der die deutsche Kirche gut kennt.

          Weitere Themen

          Trockener Humor

          Frankfurter Volksbühne : Trockener Humor

          Zur Eröffnung der neuen Frankfurter Volksbühne versammeln sich illustre Gäste im nunmehr blau gestrichenen Cantate-Saal. Und lauschen sechs Festrednern.

          Topmeldungen

          Eine Reisende am Dienstag am Pekinger Westbahnhof

          Corona-Virus : Vertuschung führt in die Katastrophe

          Angesichts der raschen Ausbreitung des Corona-Virus mahnt Chinas Führung zu Transparenz: Peking will beweisen, dass es mit der Krise verantwortungsvoll umgeht. Die Offenheit ist nicht allen geheuer.

          Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

          Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.
          Der Finanzminister Olaf Scholz in Brüssel.

          Börsensteuer : In Gesprächen so weit wie nie

          Der Bundesfinanzminister Olaf Scholz widerspricht dem Eindruck, dass seine Pläne in der EU vor dem Scheitern stehen. Österreich droht dagegen offen mit Ausstieg. Der Minister spielt die Äußerungen herunter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.