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Bellinis Oper : Der Held und sein Schöpfer

Einhellig: Regisseur Vincent Boussard (links) und Dirigent Tito Ceccherini inszenieren Bellinis Oper. Bild: Wonge Bergmann

Regisseur Vincent Boussard und Dirigent Tito Ceccherini sehen in Bellinis Oper „I puritani“ Parallelen zum Leben des Komponisten. Das soll auch in der Inszenierung in Frankfurt deutlich werden.

          Vincenzo Bellinis Oper „I puritani“ („Die Puritaner“) gehöre in ihre Zeit. Damit meint der Regisseur Vincent Boussard, in dessen Inszenierung das Werk an diesem Sonntag in der Oper Frankfurt Premiere hat, allerdings nicht, dass es zwangsweise in England um 1650 vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs zwischen protestantischen Puritanern und katholischen Stuarts angesiedelt sein müsse. Vielmehr findet der Franzose, der in Frankfurt schon Cileas „Adriana Lecouvreur“ und Glucks „Ezio“ auf die Bühne gebracht hat, dass das in Bellinis Todesjahr 1835 in Paris uraufgeführte Stück viel von den Unabhängigkeitsbestrebungen in Italien im 19. Jahrhundert und auch vieles aus der Biographie des Komponisten spiegele. So habe es in Paris zu dieser Zeit eine große Gemeinschaft italienischer Flüchtlinge gegeben, die daheim in den fremddominierten Teilstaaten inhaftiert worden wären – als Aufrührer, denen es um das „Risorgimento“, die Wiedererstehung eines unabhängigen italienischen Nationalstaates, ging.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bellini habe mit „I puritani“ diesen politischen Traum vom „Patria“ beschreiben wollen. Die Story werde dazu nur nach England projiziert. Eine der vier Hauptfiguren, Lord Arturo, der Tenor im Gesangsquartett, sei dabei eine hochsymbolische Gestalt, meint der italienische Gastdirigent Tito Ceccherini. Arturo ist in der Puritaner-Festung bei Plymouth ein heimlicher Parteigänger der fast geschlagenen Stuarts, liebt aber Elvira, die Tochter des puritanischen Gouverneurs. Am Hochzeitstag, als Elvira schon als Braut geschmückt ist, flieht er mit einer anderen Frau: der zuvor gefangengehaltenen Witwe des Stuart-Königs Karl I. Elvira glaubt an Arturos Untreue und wird wahnsinnig.

          „Der Lohengrin im Stück“

          Arturo sei „der Lohengrin im Stück“, eine Art Gralsritter, der zur Rettung einer Frau auftaucht und verschwindet, finden Ceccherini und Boussard einhellig. Es gebe auffallende Parallelen zwischen Bellini, der ebenfalls zwischen mehreren Frauen stand. Zudem sei der Komponist in Paris zur Entstehungszeit der Oper, wie der Bühnenheld, ein Emigrant gewesen. „Es passt alles perfekt zusammen“, bemerkt Ceccherini. Bellini habe mit der Figur „seinen eigenen Charakter für die Ewigkeit kreiert“. Die Parallelen zwischen Bellini und Arturo sollen daher in der Frankfurter Produktion deutlich werden.

          Angesiedelt ist das Ganze dazu im Bühnenbild von Johannes Leiacker im Inneren eines ehemals prunkvollen, nun ruinierten und schwarzgebrannten Theaters. Welche Art Katastrophe sich dort abgespielt habe, bleibe offen. Auf einem Gazevorhang davor sollen die Träume und Gefühle Elviras als Projektionen in Bilder gefasst werden. Die hypnotische Musik werde sichtbar und in vielen Momenten die Führung übernehmen, erläutert Boussard. So werde die Geschichte aus Elviras Sicht erzählt.

          Mit wenig Erfahrung geschrieben

          Mit ihrem Wahnsinn sei Elvira gewissermaßen eine Schwester der „Lucia di Lammermoor“ aus Gaetano Donizettis im selben Jahr 1835 uraufgeführter Oper oder auch der Schlafwandlerin aus Bellinis eigener, früherer Oper „La sonnambula“. Laut Ceccherini hätte die letzte Oper des mit 33 Jahren früh verstorbenen Komponisten allerdings zugleich eine erste sein können – in dem Sinne, dass mit ihr eine neue Phase in Bellinis Schaffen hätte beginnen können, nachdem mit „Norma“ die vorherige abgeschlossen worden sei.

          Mit Motiven, die in verschiedenen Nummern der Oper auftauchten, habe Bellini mit musikalischen Mitteln eine übergreifende Dramaturgie entwickelt, an der es dem Libretto mangele. Geschrieben hatte das Textbuch der im Genre wenig erfahrene Carlo Pepoli unter Bellinis Mitwirken, nachdem der sich mit seinem langjährigen Librettisten Felice Romani überworfen hatte. Als einen Schwachpunkt sehen Ceccherini und Boussard das aufgepfropfte Happy End: Arturo kehrt zurück, überzeugt Elvira von seiner Treue, ihr Wahn verfliegt, er wird begnadigt. „Wir haben nach einem Weg gesucht, das natürlich wirken zu lassen“, sagt Boussard und verrät, dass sich das Bühnenbild dazu in einen Salon wandeln werde.

          Die Premiere in der Oper Frankfurt

          Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt am Sonntag, 2. Dezember, um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen folgen am 6., 8., 14., 16., 21., 26. und am 28. Dezember.

           

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