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Behinderung : „Die wussten nicht so recht, wohin mit mir“

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Behinderte (wie hier die Schwerbehinderten in der First Solar Manufactoring GmbH) haben einen erhöhten Förderbedarf. Bild: ZB

Jugendliche mit Behinderung finden oft keinen Ausbildungsplatz. Die Landesregierung will helfen. Doch Experten und Praktiker sehen das neue Programm mit Skepsis.

          Als Jan Kappauf kam, kam auch der Spezialdrucker in die kleine Firma nach Freigericht-Altenmittlau. Wegen beiden, Kappaufs und des Druckers, sieht man bei der alten Frau jetzt jede Falte. Ihr Gesicht wurde per Quarzsandstrahl auf den Stein geprägt, eine Technik, die die Josef Anton Natursteine GmbH erst anwendet, seit Kappauf vor zwei Jahren seine Ausbildung begann. Das Sandstrahlprojekt hat sein Chef extra für ihn aus der Schublade geholt und später den Drucker für die Spezialfolien angeschafft. Kappauf ist schwerbehindert, seit seiner Geburt leidet er an einer Spastik. „Wenn ich etwas ausschneide, das wird nie gerade“, sagt der angehende Bürokaufmann.

          Mehr als 50 erfolglose Bewerbungen hat der 18 Jahre alte Kappauf nach seinem Realschulabschluss geschrieben. Ein gleichaltriger Junge mit ähnlichem Schicksal hat keine Ausbildung bekommen. Er geht weiter zur Schule. 7,6 Prozent der Arbeitslosen in Hessen sind schwerbehindert, bei den Jugendlichen bis unter 25 Jahren sind es 2,6 Prozent. Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigten müssen wenigstens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen - oder eine Ausgleichsabgabe zwischen 105 und 260 Euro im Jahr je unbesetzten Pflichtarbeitsplatz zahlen.

          „Bei dem Projekt gibt es keinen Erfolgsdruck“

          Josef Anton in Freigericht hat nur fünf Mitarbeiter, er ist nicht verpflichtet, Jan Kappauf zu beschäftigen. Er habe lange darüber nachgedacht, ob sein kleiner Betrieb das schafft. Hätte es das Sandstrahlprojekt in Antons Schublade nicht gegeben, hätte er sich wohl dagegen entschieden. „Bei dem Projekt gibt es keinen Erfolgsdruck“, sagt Anton. Kappauf arbeitet als Bürokaufmann und übernimmt die digitale Bearbeitung der Bilder, die auf die Steine geprägt werden. Weil er am Computer weniger fingerfertig ist und sich beim Gehen im Büro immer abstützen muss, dauert das alles ein bisschen länger.

          Die hessische Landesregierung will Menschen wie Jan Kappauf künftig besser unterstützen. Der demographische Wandel mache die Einbeziehung behinderter Jugendlicher für Unternehmen in der Zukunft auch betriebswirtschaftlich wichtig, sagt Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Agentur für Arbeit. Seit Januar läuft deshalb die auf zwei Jahre angelegte Initiative Inklusion.

          Die Initiative Inklusion, sagt Pummer, „ist auf jeden Fall gut“

          Dafür, dass das Programm in der Praxis Erfolg hat, ist unter anderen Lilli Pummer vom Berufsbildungswerk Südhessen in Karben verantwortlich. Bei ihr werden eigentlich vor allem lern- und psychisch behinderte Kinder ausgebildet. Jetzt, wo das Berufsbildungswerk den Zuschlag für einen Teil der 3,4 Millionen Euro aus der Initiative Inklusion bekommen hat, muss sie sich auf körper- und schwerbehinderte Jugendliche einstellen. Die Unterschiede sind immens: Jugendliche, die wie Jan Kappauf allein eine körperliche Behinderung haben, könnten auf dem ersten Arbeitsmarkt sehr gut klarkommen, sagt Pummer. Bei geistig Behinderten sei das eher schwierig. Die Initiative Inklusion will über diese Unterschiede hinweg fördern. Pummer nennt das eine Herausforderung: „Etwa einer von sechs Schülern einer Sonderschulklasse ist für den ersten Arbeitsmarkt geeignet.“ Bei vielen müsse überhaupt erst nach einer geeigneten Tätigkeit gesucht und dann eigens eine Stelle geschaffen werden. Die Initiative Inklusion, sagt Pummer, „ist auf jeden Fall gut“. Deutschland sei gegenüber Ländern wie Österreich zurück bei der Integration von Schwerbehinderten.

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