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Behindertenheim arbeitet Geschichte auf : Ein Leben außerhalb der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Strafstation des Männerhauses: Essen auf Toilettenstühlen, Einsperren in Gitterbetten Bild: Foto Stiftung NRD

Die Nieder-Ramstädter Diakonie in Mühltal hat ihre Vergangenheit aufgearbeitet. Sie ließ die Behinderten selbst zu Wort kommen – und die haben Erschreckendes zu berichten.

          Nicht in die Hand von Historikern hat die Nieder-Ramstädter Diakonie die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit gelegt. Sie schlug einen anderen Weg ein und fragte die Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Einrichtung leben, nach ihren Eindrücken, nach den kleinen Freuden und den großen Leiden, nach dem alltäglichen Schicksal. Herausgekommen ist ein Buch, in dem die Behinderten sich selbst eine Stimme geben durften, als Experten in eigener Sache.

          Das Buch schmerzt und lässt den Leser nachdenklich zurück, empört und fassungslos. Es zeigt aber auch auf, dass sich in der Gesellschaft vieles geändert hat zum Positiven. Auch in der Heimunterbringung von Menschen mit Behinderungen. Doch es gab ein Vorher: eine Zeit, die nicht lange zurückliegt, in der die Behinderten weggeschlossen und dem Blick der Gesellschaft verborgen blieben, in der sie verwahrt wurden, kaum betreut. Damals kümmerten sich 60 Personen um das Zehnfache an Insassen, die ihrerseits verkümmerten. Die Betreuer hatten kaum Zeit und Muße, sich mit den ihnen Anvertrauten angemessen zu beschäftigen.

          100 Menschen befragt in vier Jahren

          Heute hat die Nieder-Ramstädter Diakonie etwa so viele Betreuer wie Menschen, die in ihrer Obhut leben, heute gibt es fast nur noch Einzelzimmer. Die zentrale Einrichtung mit Zaun und Absperrung, das Wegschließen, triste Flure, Gemeinschaftsbäder, Rundumversorgung gehören der Vergangenheit an. Behinderte leben unter uns, in den Kommunen. Das hat zur Folge, dass im Jahr 2016 auf dem einst separierten Ursprungsgelände der Nieder-Ramstädter Diakonie bald nur noch knapp 80 Personen leben. In den neunziger Jahren waren es noch 600. Sie waren „aussortiert“ in einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

          Mit der Aufarbeitung der Heimgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg beauftragten die Vorstände der Diakonie, Walter Diehl und Hans-Christoph Maurer, ein vierköpfiges Mitarbeiterteam um Projektleiter Dirk Tritzschak. Sie konnten aktuelle und frühere Insassen dazu bewegen, ihre Erfahrungen zu berichten. Vier Jahre dauerte dieser Prozess mit Interviews, Recherchen, Geschichtswerkstätten. 100 Menschen mit und ohne Behinderung bildeten eine lebendige Quelle mündlicher Geschichtsschreibung. 40 Personen kommen in dem Buch zu Wort.

          Wende zum Besseren: Die Nieder-Ramstädter Diakonie hat die Mauern geschleift. Die Insassen wohnen jetzt dezentral in Wohngruppen wie in Groß-Bieberau.

          Menschenunwürdige Bedingungen

          Die ersten Kapitel des 280 Seiten dicken Buches berichten von der Zeit nach dem Krieg, doch dann geht es vor allem um die Lebensbedingungen hinter den Anstaltsmauern, um die Entmündigung und die Umwandlung der Behinderten in Anstaltsobjekte. So lebten mehr als 80 Kinder mit zum Teil schweren und mehrfachen Behinderungen in Schlafsälen, die mit Betten vollgestellt waren. „Wir wurden nachts im Keller eingesperrt“, berichtete eine Frau, die in den sechziger Jahren als Kind in die Heime kam.

          Menschenunwürdige Bedingungen, fragwürdige Erziehungsmethoden, fehlende pädagogische Bemühungen, dafür die reine Unterbringung der Behandlungs- und Pflegefälle ziehen sich durch das ganze Buch. Die Strafstation des Männerhauses, wo Insassen dahinvegetierten, nimmt Leser besonders mit, aber auch das Kapitel über das Kontaktverbot von Männern und Frauen lässt den Kopf schütteln.

          Kathrin Benz, Annemarie Bolender, Marlene Broeckers, Dirk Tritzschak, Bewohner und Mitarbeiter: „Aussortiert. Die Geschichte der Nieder-Ramstädter Heime nach 1945“ ist über die Stiftung der Diakonie zu bestellen (E-Mail: Geschichte@nrd-online.de, Telefon 06151/149-1691) oder im lokalen Buchhandel zu erwerben. Preis 24 Euro.

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