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Behindertenbeauftragter : Lotse, Pädagoge, Bauberater

  • -Aktualisiert am

Ansprechpartner: Sören Schmidt setzt sich künftig für die Belange von Menschen mit Behinderungen ein. Bild: Michael Kretzer

Sören Schmidt vertritt künftig die Interessen von Behinderten in Frankfurt. Als junger Mann hätte er sich das nicht vorstellen können. Dann ereilte ihn ein Schicksalsschlag.

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          Der gelbe Boden in Sören Schmidts neuem Büro an der Schillerstraße ist eben, glatt und barrierefrei, die Türen öffnen auf Knopfdruck – das ist noch lange nicht überall selbstverständlich. Eine von Schmidts Aufgaben ist es, dass solche Zustände künftig kein exotisches Alleinstellungsmerkmal mehr sind.

          Schmidt ist Frankfurts neuer Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung. „Ich selbst benutze weiterhin lieber die Bezeichnung Behindertenbeauftragter – das ist kurz, leicht und jeder versteht, was gemeint ist“, sagt Schmidt. Schließlich sei gerade beim Thema Inklusion leichte Sprache besonders wichtig. Der neue Arbeitgeber, die Stabsstelle Inklusion des Dezernats für Soziales, Senioren, Jugend und Recht, habe ihm den Einstand leicht gemacht: „Natürlich bin ich noch dabei, mich einzuarbeiten, mir Ortskenntnis anzueignen und die Abläufe kennenzulernen, aber es läuft schon recht gut – ich lerne jeden Tag dazu.“

          Nicht immer einfach gewesen

          Dass der Start bisher so positiv verlief, sei auch der Arbeit seiner Vorgängerin Friederike Schlegel zu verdanken. „Sie hat mir ein gutes Haus hinterlassen und viel für die Menschen hier getan“, sagt er. 20 Jahre lang hatte Schlegel das Amt inne und hat in dieser Zeit vieles erlebt, sagt sie. So habe sie sich dafür eingesetzt, das Thema Inklusion in den Ausschüssen der Stadt voranzutreiben, begleitete etliche Bauprojekte wie den behindertengerechten Ausbau der Commerzbank Arena oder des Skyline Plazas am Güterbahnhof und sei maßgeblich an der Entwicklung des barrierefreien Stadtführers beteiligt gewesen.

          Ihre Arbeit sei nicht immer einfach gewesen, sagt Schlegel. Man müsse viel „Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit, aber auch Humor“ mitbringen – dann könne man auch wirklich was bewegen. Oft komme es auch auf persönliche Kontakte an. „Ich habe mit manchen Dezernenten viel erreicht, mit anderen weniger.“ Gelohnt habe sich die Anstrengung aber allemal: „Frankfurt ist auf einem guten Weg“, meint Schlegel. Auch wenn natürlich noch lange nicht alles perfekt sei. Neben dem barrierefreien Aus- und Umbau des öffentlichen Nahverkehrs sei weiterhin das Wohnen eines der größten und dringlichsten Probleme.

          Die seit Jahren wachsende Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen könne kaum gedeckt werden. Schmidt möchte künftig auch eigene Themenschwerpunkte setzen, etwa das barrierefreie Lernen an Schulen und Universitäten. Doch erst einmal gelte es, die täglichen Aufgaben in Angriff zu nehmen. Als erster Ansprechpartner der Stadt für Menschen mit Behinderung nimmt er Anfragen und Beschwerden entgegen und versucht weiterzuhelfen, wo immer er kann. „Ich sehe mich da ein bisschen in der Lotsenfunktion, die Menschen rufen mich an und fragen zum Beispiel, wie man einen Behindertenausweis beantragt. Ich vermittele sie dann zu den richtigen Ämtern“, erzählt er.

          „Von Haus aus Techniker“

          Der zeitraubendste Teil seiner Arbeit entfalle aber auf die Bauberatung. Soll beispielsweise eine S-Bahn-Haltestelle oder Straße saniert werden, berät Schmidt das Planungsamt oder den Bauträger, wie man am besten behindertengerecht baut. Auch Fördergeld wird nur genehmigt, wenn Schmidt im Vorfeld eine Stellungnahme zu den Projekten abgegeben hat. Gemeinsam mit der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft, der er als Geschäftsführer vorsitzt, ist er zudem an der Weiterentwicklung des Stadtführers für behinderte Menschen beteiligt.

          Dass Schmidt eines Tages in diesem Job landen würde, hätte er selbst am wenigsten geglaubt. „Mit 18 hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir sagt, dass ich später auf dem Amt arbeite und die Interessen von Behinderten vertrete – schließlich bin ich von Haus aus Techniker“, sagt Schmidt. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker fing er an, Maschinenbau zu studieren. Doch nach einem plötzlichen Schlaganfall musste er komplett von vorne beginnen – und das mit gerade einmal 22 Jahren. Er war auf der linken Seite gelähmt, musste ein Dreivierteljahr im Rollstuhl sitzen.

          „Die letzten 25 Jahre habe ich gebraucht, um mich wieder hochzuarbeiten. Das hat natürlich mein Bewusstsein für viele Dinge stark verändert“, erzählt Schmidt. So habe er oft selbst erfahren müssen, welche Hürden behinderte Menschen im Leben nehmen müssen, gerade im Beruf. „Wenn man in eine Bewerbung reinschreibt, dass man eine Behinderung hat, bekommt man meist sofort eine Absage.“ Früher war er deshalb oft froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. Mit der neuen Stelle sei er nun auch beruflich voll inkludiert und sieht sich für seine Aufgabe optimal gerüstet: „Als Ingenieur habe ich die Kenntnisse für Bausachen und als Pädagoge kann ich gleichzeitig beratend tätig sein.“ Auch seine eigene Behinderung ist jetzt kein Nachteil mehr, im Gegenteil. „Man hat sofort eine andere Vertrauensbasis zu den Menschen, das ist sehr positiv“, sagt Schmidt.

          Er hofft, mit seiner Arbeit dafür sorgen zu können, dass andere nicht die gleichen Erfahrungen wie er machen müssen. Eines seiner Ziele ist es, ein Bewusstsein für Inklusion zu schaffen, vor allem bei den Menschen, die selbst nicht betroffen sind. „Es sollte zum Beispiel selbstverständlich sein, dass mit dem Rollstuhlfahrer geredet wird und nicht mit der Begleitperson. Wenn wir alle an einem Strang ziehen und jeder seinen eigenen kleinen Teil zur Inklusion beiträgt, dann können wir das schaffen.“

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