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Begrünung von Städten : „Schon Sträucher helfen“

Baumversteher: Eiko Leitsch ist überzeugt, dass trotz des Klimawandels die Städte lebenswert bleiben können, vorausgesetzt, man gibt Bäumen und Grün den Platz. Bild: Dieter Rüchel

Was tun gegen die Folgen von Starkregen, wie dem Klimawandel begegnen: Eiko Leitsch, Baumgutachter aus Nauheim, kämpft für mehr Grün in den Städten.

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          Wir haben im Augenblick täglich Gewitter, häufig Starkregen und in der Folge Überschwemmungen. Sie haben die Kampagne „Grün in die Stadt“ angestoßen. Helfen ein paar mehr begrünte Dächer und Bäume, solche Regenmassen versickern zu lassen?

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es geht um die Summe der Grünflächen, der Dachbegrünungen. Jede Form von Vegetation hilft im Augenblick, damit Wasser aufgenommen werden kann und verzögert abfließt. Je rauher die Oberfläche ist, je mehr Vegetation wir darauf haben, desto mehr Wasser kann sie aufnehmen.

          Wir brauchen Wiesen in der Stadt?

          Wiesen wären eine Möglichkeit, aber schon eine Gruppe niedriger Sträucher hilft. Sie bilden eine große Oberfläche mit ihren Blättern und Ästen, auf denen das Wasser haften bleibt. So werden bei Starkregen die Wassermassen verringert, die ohnehin nicht mehr von der Kanalisation aufgenommen werden können und in Keller oder wie in Frankfurt-Sachsenhausen Unterführungen und U-Bahn-Stationen laufen. Andernorts sind Bäche zu reißenden Flüssen geworden und haben alles mitgerissen.

          Sie haben „Grün in die Stadt“ nicht erst initiiert, seit wir mit Wasserfluten kämpfen. Was treibt Sie um?

          Für mich ist die Frage, welchen Beitrag das Grün in der allgemeinen Diskussion um den Klimawandel leisten kann. Ich komme vom Grün, das beschäftigt mich. Die Reduktion der Abflussgeschwindigkeit bei Starkregen ist ja nur ein Aspekt. Grün hat einen sozialen Aspekt: Parks und Grünanlagen sind Begegnungsstätten, das sehen sie ja am Frankfurter Mainufer deutlich. Die Bürger verbringen ihre Freizeit in den Parks, Grillen dort, treffen Freunde. Immer mehr treiben dort auch Sport statt in Vereinen. Deshalb brauchen wir das Grün. Abgesehen davon, dass es auch zunehmend zum Standort- und Wirtschaftsfaktor wird. Mit Wohnungen an Grünanlagen etwa erwirtschaftet man höhere Erträge als andernorts.

          Sie arbeiten seit 30 Jahren mit Bäumen. Hat sich in der Wahrnehmung von Grün durch die Politik und die Bürger etwas geändert?

          Die Politik ist heute stärker für das Thema Grün in den Städten sensibilisiert. Durch unseren Anstoß hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr einen Situationsbericht erstellt, wie es um das Grün in Deutschland bestellt ist. Das Umweltministerium ist nun dabei, in Abstimmung mit uns Berufsverbänden daraus Leitlinien für das politische Handeln zu erarbeiten. Das Ministerium hofft, dass sie in die Arbeit der nächsten Regierung einfließen. Wenn wir das schaffen würden, das wäre ein Knüller.

          Warum?

           Das zeigte doch, dass alle gemerkt haben, es gibt ein Problem mit dem Klima in der Stadt, aber wir können durchaus gegensteuern, und zwar auf lokaler, regionaler Ebene. Die großen Klimaprobleme dieser Welt bekommen wir nicht mit mehr Bäumen in Frankfurt oder Darmstadt gelöst. Aber wir können für das lokale Klima mit Begrünung und der richtigen Grünausstattung einen positiven Beitrag leisten.

          Gehört die Vorstellung, die Stadt ist steinern und draußen gibt es das Grün, der Vergangenheit an?

          Das Grün draußen vor der Stadt, das hilft mir ja nichts in heißen Sommern wie im vergangenen Jahr oder bei Starkregen wie in diesem Jahr. Die Städte wachsen und die, die in die Städte ziehen, wollen in ihrer Umgebung Grün haben, nicht nur Steine. Die Grundannahme, wer Grün will, baut sich sein Häuschen vor der Stadt, die ist falsch. Wir haben doch jetzt die Entwicklung, dass die Leute auch wegen der problematischen Verkehrsentwicklung in die Städte ziehen. Wir müssen sehen, dass wir das Grün in der Stadt erhalten, um die Städte lebenswert zu erhalten.

          Man hört häufig, das Thema Klimawandel sei in den Köpfen der Politiker und Planer und Architekten angekommen. Aber man sieht es nicht.

          Das ist noch ein ganz weiter Weg. Die Stadtplanung sieht in erster Linie die harte, graue Infrastruktur: Straßen und Häuser. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoller, zuerst die viel filigranere grüne Infrastruktur mit Grünanlagen, aber auch Vorgärten und Baumalleen zu planen. Man muss die Stadt vom Grün her denken. Dazu sind wir aber von der grünen Seite noch nicht stark genug. Aber wir arbeiten daran.

          Manche Architekten entwerfen Häuser, auf deren Dächern und Balkonen Bäume stehen sollen.

          Das sind alles nur Gimmicks, lustige, attraktive Zugaben, ohne wirkliche Wirkung. Natürlich ist es möglich an einem Platz, wo sie nur in ganz beschränktem Maße durchwurzelbaren Raum herstellen können, Vegetation zu etablieren. Das geht aber nicht mit Bäumen. Das ist vielleicht auf Tiefgaragendächern möglich. Aber das auf Hausdächern zu realisieren ist schwierig. Die berühmten Wohntürme „Bosco verticale“ in Mailand etwa sind eine Momentaufnahme. Die Gebäude sind eineinhalb Jahre alt. Mir geht es um Langfristigkeit, um Bäume, die älter als fünf Jahre werden.

          Was fordern Sie von Architekten und Stadtplanern?

          Wir müssen nachhaltige, intelligente Lösungen für die Städte, für Grundstücke und Quartiere suchen. Es muss in einer frühen Phase der Planung an das Grün gedacht werden. Dazu braucht man Wissen darüber, wie Vegetation, wie Bäume funktionieren. Das fehlt häufig. Stattdessen wird auf den kurzfristigen Effekt geschaut. Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert. Grüngestaltung ist mehr als „Architekten-Petersilie“.

          Die Fragen stellte Mechthild Harting.

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