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Kleingartenglück in Frankfurt : Begehrte Idylle

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Easy Living: So entspannt wie im Kleingartenverein Riederwald würde manch einer, der keinen Garten oder Balkon hat, gerne die Corona-Zeit verbringen. Bild: Patricia Kühfuss

Eine Parzelle mit viel Grün und frischer Luft – das klingt in Corona-Zeiten für Familien, die weder Balkon noch Garten haben, wie das Paradies. Kleingartenvereine werden geradezu überrannt. Doch Anwärter brauchen Geduld und Glück.

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          Die Botschaft auf dem Schild klang verlockend: „Kleingärten zu verpachten – Anfragen telefonisch oder sonntags im Vereinshaus“, so stand es auf einem bunten Ausdruck mit fröhlich gärtnernder Familie. Und schon spulten sich im Kopf die Bilder glücklicher Sommertage ab. Mit Vogelgezwitscher über einem schattigen Freisitz, mit roten Kirschen direkt vom Baum, Salat und Kräutern frisch aus dem Beet, nicht zu vergessen einer kleinen Rasenfläche für die spielenden Kinder.

          Manch eine Familie, die seit Wochen bei Dauersonnenschein im Homeoffice und Homeschooling festsitzt und keine eigenen Ausweichmöglichkeiten nach draußen hat, schaut jetzt sehnsuchtsvoll auf die stadtnahen Kleingartenanlagen in der Hoffnung, dort noch ein freies Plätzchen zu finden.

          „Wir werden von Telefonanrufen und E-Mails überschwemmt“

          Doch die früher als spießig-deutsch verhöhnte Laubenpieperkolonie steht nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus hoch im Kurs. Alte wie junge Menschen, Studenten und Familien, Hobbygärnter mit und ohne Migrationshintergrund – die Nachfrage geht quer durch alle Bevölkerungsschichten.

          Auch der Anruf unter der auf dem Schild angegebenen Telefonnummer ist ernüchternd: „Das Schild hängt da immer“, erzählt Roland Jörg, seit zwanzig Jahren im Vorstand des Kleingärtnervereins Eschersheim (KVE). Derzeit sei kein einziger Garten frei, sagt Jörg. Dabei könnte er zig neu vermieten. Jörg berichtet von bis zu 15 Anfragen am Tag. Auch die Stadtgruppe Frankfurt, Dachverband für derzeit insgesamt 111 angeschlossene Kleingärtnervereine im Stadtgebiet, verzeichnet unter Pandemie-Vorzeichen einen erheblichen Anstieg der Nachfrage: „Wir werden von Telefonanrufen und E-Mails überschwemmt“, sagt Hannelore Doerr vom KGV Goldstein1950, die dem Dachverband vorsitzt.

          Interessenten sollen sich trotzdem bewerben

          Einen Kleingarten gibt es in der Regel schon für 200 und 250 Euro Pacht im Jahr. Im Schnitt sind die Frankfurter Parzellen 300 Quadratmeter groß. Hinzu kommt der Mitgliedsbeitrag des jeweiligen Vereins, der laut Doerr unterschiedlich ausfallen kann, je nach Beitragsstruktur. Einmalig hinzu kommt Abstand, den Neupächter für die Übernahme von Gartenhäuschen, Strom- und Wasserversorgung sowie Beeten an den Vorgänger zahlen. Je nach Ausstattung und Größe können dafür laut Jörg vom KV Eschersheim bis zu 2500 Euro anfallen.

          Roland Jörg macht Interessenten Mut, sich trotzdem zu bewerben: „Es wird auch immer mal wieder überraschend ein Garten frei“, sagt er. Viele Interessenten bewürben sich parallel bei anderen Vereinen. Gefühlt sei in den nächsten zwei Jahren beim KVE zwar nicht viel möglich, aber Jörg empfiehlt, bei Interesse durchaus mal die Unterlagen anzufordern und auszufüllen. Bewerbungen werden laut Jörg in der Reihenfolge des Eingangs geprüft. Der Verein versuche zurzeit jedoch, Familien mit Kindern besonders zu berücksichtigen.

          „Nicht nur feiern“ sondern auch Arbeit im Gärtnerglück

          Michael Hofmann hatte Glück. „Es ist wie ein kleiner Urlaub vom Alltag“, berichtet der Frankfurter. Hofmann wohnt im Norden der Stadt und ist seit März glücklicher Pächter eines Kleingartens auf dem Buga-Gelände in Ginnheim. Seine Frau und er hatten sich vor einem Jahr um den Garten beworben und konnten ihn jetzt überraschend übernehmen, weil der ursprüngliche Interessent abgesprungen war. Zum neuen Gärtnerglück gehören eine massive Holzhütte mit Küchenzeile, Strom- und Wasseranschluss und sogar ein kleiner, nahezu vertrockneter Goldfischteich. Den hat er wieder aufgefüllt und neue Goldfische dazugekauft. „Das macht richtig Freude. Es ist unheimlich entspannend, den Fischen zuzuschauen“, sagt er.

          Hannelore Doerr vom Dachverband warnt grundsätzlich vor falschen romantischen Vorstellungen: „Einen Kleingarten pachten heißt nicht nur Freizeit, sondern auch Arbeit“, stellt sie klar. „Viele Leute wollen heute vor allem einen Grill oder ein Trampolin aufstellen, um im Garten ihre Freizeit zu verbringen“, moniert die Vorsitzende. Sinn und Zweck eines Kleingartens sei neben Muße und Entspannung aber auch die Hege und Pflege, das Säen und Ernten. „Das gehört zum Kleingartenwesen nun mal dazu“, sagt Doerr, die kein Verständnis dafür hat, wenn Pächter „nur feiern wollen“.

          Strenge Satzungen im Kleingarten

          Die Vorstände der Vereine haben wegen der Corona-Beschränkungen laut Doerr zurzeit alle Hände voll zu tun, um ihre Mitglieder an die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln zu erinnern. „Das macht wenig Spaß“, sagt sie. Gelegentlich müsse man sogar die Polizei holen oder werde von uneinsichtigen Pächtern bedroht.

          Für den Frieden im kleinen Garten Eden sorgen bis heute strenge Satzungen, über deren Einhaltung die Gemeinschaft, vor allem die KGV-Vorstände, zu wachen haben. Die eigenmächtige Suche eines Nachpächters oder die Weitergabe am Vorstand vorbei etwa ist nicht gestattet. Auch darf ein Kleingarten nicht für ein Gewerbe genutzt werden. Und für lautstarke Großfamilientreffen oder nächtliche Partys gibt es nicht nur zu Pandemie-Zeiten einschränkende Regularien.

          Deshalb suchen sich die Kleingartenvereine ihre Pächter bewusst aus. Umgekehrt sollten sich aber auch Interessenten ihren Sehnsuchtsort und dessen Gemeinschaft genauer ansehen, bevor sie den Pachtvertrag unterschreiben – vorausgesetzt, sie kommen überhaupt in die glückliche Lage.

          Adressen und Tipps

          Die Nachfrage nach Kleingärten ist seit vielen Jahren hoch und wegen der Corona-Krise noch einmal gestiegen. Wer es trotzdem versuchen will, findet auf der Homepage der Stadtgruppe Frankfurt, die als Dachverband 111 Vereine vertritt, Angaben zu freien Parzellen im gesamten Stadtgebiet nach Bezirken und Vereinen geordnet (www.stadtgruppe-frankfurt.de). Adressen gibt es auch beim wesentlich kleineren Regionalverband Kleingärtner Frankfurt/Rhein-Main (www.rv-kleingarten.de). Gute Gartentipps findet man auf der vom städtischen Grünflächenamt unterstützten Seite „Frankfurter Beete“ (www.frankfurter-beete.de).

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