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Begabtenförderung : Abgrenzung und Anpassung

Junge Biologinnen analysieren Blumen. Bild: Wiesinger, Ricardo

In der Hessischen Schülerakademie lernen Jugendliche, gegen den Strom zu schwimmen. Hier können Batuula und Nelly so sein, wie sie sind: Begabt.

          6 Min.

          Jedes Jahr in den Sommerferien kommen 60 talentierte Kinder und Jugendliche aus der Mittelstufe zur Hessischen Schülerakademie. Auf der im 13. Jahrhundert erbauten Burg Fürsteneck lernen und forschen sie anderthalb Wochen lang mit 19 Dozenten. Das mittelalterliche Gemäuer liegt in der Nähe von Eiterfeld, gut 20 Kilometer nördlich von Fulda auf einer kleinen Hochebene. Ihm gegenüber erhebt sich der Sensberg, ein erloschener Vulkan. Schafe, blauer Himmel, selbstgemachter Apfelsaft von der Streuobstwiese. Idylle pur.

          Tobias Schrörs

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Batuula Bakri, 16 Jahre alt, weißes T-Shirt, schwarze Stoffhose, begibt sich in die hinterste Fensternische der Burghalle „Otto Bartning“, die von meterdicken Mauern umgeben ist. Sie setzt sich auf den Fensterabsatz, winkelt die Beine an, legt ihr Kinn auf die verschränkten Arme, richtet den Blick nach oben. Schwer zu sagen, wohin sie schaut. „Freeze!“, ruft Akademie-Leiter Ferenc Kréti, „Friere ein!“. Batuula rührt sich nicht mehr. Sphärische Klänge wabern durch den Raum. „Tauche eine Minute in deinen Ort ein. Finde in dem, was du in diesem Augenblick wahrnimmst, deine Position.“

          Bald löst Batuula sich aus ihrer Erstarrung, wendet den Blick zum Fenster und schaut hinaus. „Die Perspektive ändert sich – was bleibt, ist der Dialog“, sagt Kréti. Und dann wieder: „Freeze.“ Keine Rührung. So wechselt Batuula noch einige Male die Position, um alsdann einzufrieren. Irgendwann wagt sie sich heraus aus der Nische, richtet sich auf und stellt sich in den Raum. Die Zeit steht still in der Halle.

          In der Selbstfindungsphase

          Batuulas Suche nach ihrer „Position“ ist Teil des Hauptkurses „Kunst und Kultur“, der immer vormittags stattfindet. Hinter der jungen Frau liegt ein weiter Weg. Sie stammt aus Somalia, ging mit ihrer Familie nach Saudi-Arabien, wurde in ihr Herkunftsland abgeschoben und ist Ende 2011 von dort mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern als politisch Verfolgte nach Deutschland gekommen.

          Heute geht sie in die zehnte Klasse des Gymnasialzweigs der Kopernikus-Schule in Freigericht (Main-Kinzig-Kreis). Für den musischen Hauptkurs habe sie sich entschieden, weil sie dort aus sich herauskommen könne, sagt sie. Ihren Platz in der Fensternische erläutert sie so: „Es ist eine Abgrenzung von den anderen, aber trotzdem kannst du bei den anderen sein. Wie gesagt, Selbstfindungsphase.“

          In der Schule geht es oft oberflächlich zu

          Hauptkurs Chemie. Nur ein Flur trennt die zwölf Schüler von der Gruppe nebenan im Kurs „Kunst und Kultur“. Die einen suchen ihren eigenen Platz, die anderen den eines jeden Moleküls in dieser oder jener Verbindung. Nelly Endres, 15 Jahre alt, sitzt mit den Nachwuchs-Chemikern an einem großen Gruppentisch. Ein Junge gähnt und streckt sich. Es ist schon bald elf Uhr. Nelly blättert in ihrem Ordner, stützt sich auf einen Arm.

          „Verbrennung ist eine Reaktion mit Sauerstoff“, erklärt ein Schüler der Dozentin, die gerade den Wissensstand ihrer Schützlinge abfragt. Nelly schiebt ihre blonden Haare über das linke Ohr nach hinten und schaut konzentriert. Die Dozentin möchte mehr über die Verbrennung wissen. Nelly zeigt auf: „Wenn man organische Verbindungen verbrennt, bleibt Kohlenstoff.“ „Genau, darauf wollte ich hinaus“, erwidert die Dozentin.

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