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Kommentar : Beben in der Frankfurter CDU

Zog überraschend gegen Bettina Wiesmann den Kürzeren: Michael zu Löwenstein, Chef der CDU-Fraktion im Frankfurter Römer Bild: Wonge Bergmann

Die Delegierten der Frankfurter CDU schicken Bettina Wiesmann statt Michael zu Löwenstein ins Rennen um einen Platz im Bundestag. Damit lösen sie ein Beben in der Partei aus. Und dann ist da noch Michael Boddenberg.

          Was für eine Ohrfeige! Mit ihrer Entscheidung, nicht den von der Parteiführung erkorenen Fraktionsvorsitzenden im Römer, Michael zu Löwenstein, für die Bundestagswahl zu nominieren, sondern die Landtagsabgeordnete Bettina Wiesmann, haben die Delegierten der Frankfurter CDU ein Beben ausgelöst. Dabei ist eine Menge zu Bruch gegangen.

          Zum einen trifft die herbe Niederlage Löwenstein selbst. Der Fraktionschef, wichtigster CDU-Mann in der neuen Koalition mit SPD und Grünen, ist beschädigt. Kaum vorstellbar, dass er sein Amt bis zum Ende der Wahlperiode behalten kann. Zum Zweiten muss sich der nach dem schwachen Kommunalwahlergebnis leicht lädierte Parteivorsitzende Uwe Becker nun ernsthaft fragen, wie groß seine Autorität noch ist. Der Frankfurter Bürgermeister hatte sich vor der Abstimmung deutlich hinter Löwenstein gestellt, indem er ihn sogar vorschlug. Löwensteins Pleite ist deshalb auch Beckers Pleite. Sie lässt sich angesichts einer 51-zu-91-Stimmen-Schlappe nicht schönreden.

          Boddenbergs Haltung

          In Person von Michael Boddenberg, des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, ist wie nebenbei noch etwas offenbar geworden. Durch dessen vehementes Eintreten für Wiesmann ist klar, was die Landes-CDU von der Führung und Personalplanung des Kreisverbands hält: gar nichts. Anders ist eine derartige Parteinahme Boddenbergs kaum zu erklären. Nicht auszuschließen, dass sie sogar mit dem Landesvorsitzenden Volker Bouffier besprochen war.

          In Trümmern liegt außerdem ein nicht perfektes, gleichwohl seit Jahren die Partei befriedendes System der Absprache beider Flügel. Indem sich Wiesmann trotz dieser Absprache als „freie Spitze“ souverän durchsetzte, hat sich das System überholt. Fortan ist die Tür offen für jeden, der meint, er müsse doch endlich auch einmal zum Zug kommen - öffentliche Dauerfehden inklusive. Auch Parteichef Becker, der am Montagabend ungewohnt nervös wirkte, weiß nun, dass seine noch nicht besiegelte Kandidatur für die Oberbürgermeisterwahl 2018 zum Kampf werden könnte. Auch vor diesem Hintergrund ist der Auftritt Boddenbergs überaus bemerkenswert.

          Nicht untergehen darf bei alldem, dass Bettina Wiesmann eine gute CDU-Kandidatin für eine Stadt wie Frankfurt ist. Und dass das spannende Duell mit Löwenstein stets fair und auf hohem Niveau geführt wurde. Läuft alles optimal, hat die intensive Debatte die Partei sogar erfrischt. Und falls Wiesmann im nächsten Herbst das Direktmandat im östlichen Wahlkreis holt, mag das manch neuen Graben überbrücken, der sich schon am Abend des Parteitags auftat. Schafft sie es nicht, zahlt die Frankfurter CDU für ihre Kandidatur einen hohen Preis.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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