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BDA ist 100 Jahre alt : Die wackligen Überbauten der Architekten

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Kurz vor dem 100. Geburtstag wäre fast der Tod eingetreten. Der Bund Deutscher Architekten (BDA), dem rund 5000 freiberufliche Architekten angehören, hatte sich im vorigen Jahr mit dem Weltarchitekturkongreß in Berlin finanziell hoffnungslos übernommen.

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          Kurz vor dem 100. Geburtstag wäre fast der Tod eingetreten. Der Bund Deutscher Architekten (BDA), dem rund 5000 freiberufliche Architekten angehören, hatte sich im vorigen Jahr mit dem Weltarchitekturkongreß in Berlin finanziell hoffnungslos übernommen. Der aufgehäufte Schuldenberg wurde nur dank einer Art Notopfer der Mitglieder abgetragen. Und so konnte doch zur Hundertjahrfeier mit Symposion und Festakt an den Gründungsort Frankfurt eingeladen werden. Auf Sekt und Schnittchen wurde nach dem Festakt am Samstag mittag aus Kostengründen zwar verzichtet. Doch indem man die Paulskirche als Versammlungsort auswählte, blieb wenigstens der althergebrachte Anspruch auf hohe gesellschaftliche Bedeutung aufrechterhalten.

          Die Politik scheint die Rolle der Architekten allerdings geringer einzuschätzen. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ließ sich wegen anderweitiger Verpflichtungen auf dem Volksbelustigungs-Hessentag in Bad Arolsen entschuldigen. Und statt des angekündigten Bundesbauministers Manfred Stolpe (SPD), für dessen Fernbleiben keine Begründung genannt wurde, kam dessen Staatssekretär Tilo Braune. Das Fehlen der Spitzenpolitiker war auch deshalb bedauerlich und bezeichnend zugleich, weil beide Regierungen angehören, die den freiberuflichen Architekten das Leben schwermachen.

          Die hiesige Landesregierung hat im vergangenen Jahr die Hessische Bauordnung novelliert und damit Baugenehmigungen in zahlreichen Fällen vereinfacht und das Aufgabenfeld der Architekten beschnitten. Und die Bundesregierung plant die Abschaffung der HOAI, der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Statt dessen soll es Preisempfehlungen geben. Damit bräche ein tragender Pfeiler in der Konstruktion des freien Berufs weg.

          Da konnte es auch nicht sehr beruhigend wirken, als Staatssekretär Braune versicherte, sein Haus sei nicht für eine Abschaffung der HOAI, sondern für deren Reform. Am Ende wird sich wahrscheinlich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mit seinen weiter reichenden Plänen durchsetzen, zumal er sich einig weiß mit der EU-Kommission in Brüssel. Braune beließ es im übrigen in seinem Grußwort bei ein paar Allgemeinplätzen, nach denen "qualitätvolle Architektur von essentieller Bedeutung für uns alle" sei. Nach einem Herzensanliegen klang das nicht.

          Die existentielle Bedrohung durch die Politik wurde am Samstag ohnehin lieber verdrängt. Als Helfer im Eskapismus war Adolf Muschg gekommen, Schriftsteller und Präsident der Akademie der Künste Berlin. Der freundliche Schweizer gab den Architekten das, was sie gerne hören wollen. Muschg reihte in seiner "Meditation über Architektur" Namen und Zitate aus der gesamten abendländischen Geistesgeschichte aneinander. Kant übergab den Stab an Rilke, der an Sokrates, und über allem schwebte Goethe. Schelling und Hegel waren da nicht mehr weit, Max Frisch (Schweizer und Architekt und Schriftsteller) gab sich ein Stelldichein - und Valery und Nabokov und Tolstoi und Musil.

          Den in der Paulskirche versammelten Architekten mußte der Kopf schwirren, doch die als Zeugen aufgerufenen, großen Namen schmeichelten ungemein. Der Berufsstand bekam von Muschg einen Spiegel vorgehalten. So machen es die Architekten gern: plündern ohne Rücksicht auf Zusammenhang und Chronologie die historischen Bestände, um sich und ihren Gebäuden einen pseudophilosophischen Anstrich zu geben. Irgendein Satz einer berühmten Geistesgröße paßt immer, um das eigene Tun zu beschreiben und zu rechtfertigen. Weil solche eklektizistischen Überbauten jedoch keiner statischen Überprüfung standhalten, verschonen sich Architekten gegenseitig mit kritischen Nachfragen und belassen es bei Lästereien. Jeder baut für sich allein.

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