https://www.faz.net/-gzg-70syd

Bauerntag : Energiewende bereitet Landwirten Sorgen

  • -Aktualisiert am

Rang und Namen: Hessens Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich und Bundesministerin Ilse Aigner lassen Ministerpräsident Volker Bouffier, Rapsblütenkönigin Carolin und Milchkönigin Charlotte den Vortritt. Bild: Röth, Frank

Beim Bauerntag in Darmstadt wird über steigenden Flächenverbrauch diskutiert und ein „Zukunftspakt“ mit der Politik geplant.

          3 Min.

          Die Folgen der Energiewende, die den Ausbau neuer Trassen notwendig macht, haben am Donnerstag den Hessischen Bauerntag beschäftigt. Der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider, nannte den geplanten Energieleitungsausbau einen „lebensbedrohlichen Anschlag“ auf die hessischen Äcker und Wiesen und damit auf die Landwirte. Angesichts der Tatsache, dass in Hessen schon jetzt jeden Tag mehr als vier Hektar landwirtschaftliche Fläche anderen Nutzungen zugeführt würden, seien diese Eingriffe nicht mehr hinnehmbar. Schneider forderte die Politik auf, die Verantwortung für einen „wirksamen gesetzlichen Flächenschutz“ zu übernehmen, und kündigte an, diesen wichtigen Punkt auch in der Diskussion mit der hessischen Landesregierung über einen „Zukunftspakt“ aufzugreifen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Der Bauerntag hat dieses Jahr im Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadt stattgefunden, das nach Schneider als Tagungsort insofern passend war, als sich in der Rhein-Main-Region die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Betriebe wie in einem Brennglas bündelten. Dass an der Diskussion über Flächenverbrauch, neue EU-Vorgaben oder Tierschutz die Landesregierung Interesse zeigte, machte die Anwesenheit von Ministerpräsident Volker Bouffier und Umweltministerin Lucia Puttrich (beide CDU) deutlich. Ebenfalls angereist waren Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und der scheidende Präsident des Deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner.

          Fünf Hektar für Windkraftanlagen

          Bouffier unterstützte grundsätzlich die Forderung des Verbandes, mit den landwirtschaftlich genutzten Flächen schonend umzugehen, und sprach sich gegen die Überlegungen der EU aus, Betrieben mit mehr als drei Hektar Größe aufzuerlegen, sieben Prozent ihrer Ackerfläche für Artenschutz und Streuobstanbau stillzulegen. „Die Landesregierung wird dabei nicht mitmachen“, sagte der Ministerpräsident. Auch Aigner versicherte, sie werde sich dafür einsetzen, dass der Anbau von Nahrungsmitteln und Rohstoffprodukten auf ganzer Fläche weiter erlaubt bleibe. Gleichzeitig warnte Bouffier davor, den Status quo einfach festzuschreiben. Dies würde die Entwicklung der Kommunen ebenso bremsen wie den Erhalt und die Förderung der Infrastruktur. Hessen dürfe sich nicht in Ballungszentren und „ausgeblutete“ ländliche Räume auseinanderdividieren. Der Zukunftspakt werde auf diese und andere Fragen eine Antwort geben.

          Wie stark die Energiewende die Landwirte tangiert, wurde aus dem Vortrag Sonnleitners deutlich. Er nannte die Zahl von 4000 Hektar, die für den Bau von 4000 Kilometern neuer Hochspannungsleitungen benötigt würden. Allein für eine Windkraftanlage würden fünf Hektar wegfallen. Die den Landwirten dafür zustehenden Entschädigungssätze stammten aus dem vergangenen Jahrhundert und seien unzumutbar. Wie Schneider sprach sich auch Sonnleitner gegen die Sieben-Prozent-Regelung aus. Diese würde bedeuten, dass 600000 Hektar Acker in Deutschland verlorengingen und von einem Tag auf den anderen 30 Millionen Tonnen Getreide auf dem Weltmarkt eingekauft werden müssten. Positiv stehen Landes- und Bundesverband dem Anbau von Rohstoffen zur Energieproduktion gegenüber. Allerdings müsse die Nahrungsmittelproduktion Priorität haben und die Balance zwischen Biomasse und Getreide, Milch und Fleisch stimmen.

          Die Situation der bäuerlichen Betriebe sei ernst

          Umweltministerin Puttrich haben die Verbandsvertreter den Grundsatz mit auf den Weg gegeben: „Wer nützt, der schützt“. Die Frage, ob Deutschlands Bauern die besten Naturschützer seien oder die Umwelt belasteten, hatte zu Beginn der Veranstaltung in einer kurzen, aber eindringlichen Rede Christian Bug von der Hessischen Landjugend aufgeworfen. Der Junglandwirt fragte Bouffier, woher eigentlich das Misstrauen gegen die Landwirte komme, und forderte ihn auf: „Schenken Sie uns Bauern endlich das nötige Vertrauen.“

          Die Situation der bäuerlichen Betriebe in Hessen ist Schneider zufolge nach wie vor ernst. Die Kaufneigung der Konsumenten verbessere sich nur langsam. Hinzu komme, dass der Milchpreis nahezu das Niveau von vor drei Jahren erreicht habe und Hessen am stärksten von allen Bundesländern von Auswinterungsschäden betroffen sei, die durch steigende Weizenpreise nicht vollständig aufgefangen werden könnten. „Im Sommer 2012 kämpft die hessische Landwirtschaft daher in ganz erheblichem Maße um ihre Wirtschaftlichkeit, um angemessene Produktpreise und damit um ein angemessenes Einkommen für Betrieb und Familie“, sagte der Präsident, der seit gestern zwei neue Mitarbeiterinnen hat. Gekrönt wurden in Darmstadt die neue Hessische Milchkönigin Charlotte I. und als Carolin I. Hessens Rapskönigin. Die inzwischen achte Milchkönigin heißt mit bürgerlichem Namen Charlotte Tabea Horn, stammt aus Korbach und befindet sich in der Ausbildung zur Landwirtin, ihre für den Raps zuständige Kollegin Carolin Schmidtmann kommt aus Römershausen und damit ebenfalls aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg.

          Weitere Themen

          Vonovia dämpft Mietpreise

          Übereinkunft mit Stadt Frankfurt : Vonovia dämpft Mietpreise

          In den Frankfurter Wohnungen des Unternehmens Vonovia sollen die Mieten im Mittel nur noch um ein Prozent im Jahr steigen. Der Oberbürgermeister sieht darin Unterstützung für den „Mietenstopp“.

          Voll cool,  Mama wird Politikerin

          Kommunalwahl Hessen : Voll cool, Mama wird Politikerin

          Vier Mütter aus Nieder-Eschbach wollen in den Ortsbeirat – gemeinsam. Ihr Quartett setzt sich in drei verschiedenen Parteien für Hortplätze und Jugendliche ein.

          Topmeldungen

          Unter Druck: Georg Nüßlein (CSU) im Bundestag (Aufnahme aus dem Januar)

          Masken-Affäre : Nüßlein tritt aus der CSU aus

          Nach der Affäre um Geschäfte mit Corona-Masken ist der Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein aus der CSU ausgetreten. Auch Nikolas Löbel gibt sein Parteibuch ab. Der Gesundheitsminister hat derweil angekündigt, weitere Namen öffentlich zu machen.

          Campen mit Reisemobil : Alles im Kasten

          Die Begeisterung fürs Campen mit Reisemobil hält ungebrochen an. Besonders beliebt sind ausgebaute Transporter. Ein Blick in die Welt des Variantenreichtums.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.