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Heimische Fachkräfte : Misthaufen wird zur Nährstoffbörse

Vielseitig begabt: Die Gehörnte Mauerbiene kann auch Tomate und Erdbeerpflanzen bestäuben. Bild: dpa

Wie können Bauern mehr Bioprodukte für Südhessen erzeugen und alle Beteiligten davon profitieren? Die „Ökolandbau- Modellregion“ soll das in den nächsten zwei Jahren herausfinden.

          Deutschland hat einen eklatanten Fachkräftemangel, unter dem auch die Obstbauern leiden. Vor allem im übertragenen Sinn. Einige von ihnen sind in Südhessen dazu übergegangen, fleißige „Gastarbeiter“ zu beschäftigen – und zwar in Gestalt von Hummeln aus dem Mittelmeerraum. Diese übernehmen neben den Völkern heimischer Imker zum Beispiel die Bestäubung von Tomaten- oder Erdbeerpflanzen. Der Nachteil: Italienischen und anderen Insekten aus dem Süden Europas gelingt die Integration ins hiesige Ökosystem nicht immer, das heißt, sie bringen manchmal auch Krankheiten oder Krankheitserreger mit.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Laut Robert von Klitzing müsste das nicht so sein. Er hat Gartenbau an der Hochschule Geisenheim studiert, seine Abschlussarbeit über „landwirtschaftliche und gartenbauliche Biodiversitätsberatung“ geschrieben und in Betrieben Erfahrung mit ökologischer Erzeugung gesammelt. Deshalb bringt er die Gehörnte Mauerbiene ins Spiel. Sie ist mit ihren Verwandten eine der auffälligsten Wildbienen des Frühlings, die vor allem in Süd- und Mitteldeutschland vorkommt. Sie könnte, so glaubt Klitzing, durchaus dem „Fachkräftemangel“ der Landwirte mit sogenannten Sonderkulturen abhelfen.

          Vermutlich wird sich am 29. März in der Reichenberghalle in Reichelsheim im Odenwald herausstellen, dass die Pflanzenbestäubung aber nicht die größte Herausforderung darstellt für die „Ökolandbau-Modellregion Südhessen“. Die Landkreise Darmstadt-Dieburg, Odenwald, Groß-Gerau und die Stadt Darmstadt sind dazu durch das hessische Umweltministerium ernannt worden – als eine von inzwischen acht Modellregionen in dem Bundesland. 2018 tagten erste Arbeitsgruppen mit rund 150 Teilnehmern, die „Leuchtturmprojekte“ markierten, am 29. März findet der offizielle Auftakt statt.

          Zwei Jahre lang gibt die Landesregierung der neuen Modellregion Gelegenheit, die ökologische Erzeugung von Lebensmitteln auszuweiten, regionale Wertschöpfungsketten für biologisch erzeugte Produkte zu optimieren und die Kontakte zwischen Produzenten und Verbrauchern zu stärken. Das gesamte Projekt versteht sich daher auch als ein Förderprogramm für den Schulterschluss von Stadt und ländlichem Raum, also vor allem vom Oberzentrum Darmstadt, wo viele Verbraucher leben, und seiner Umgebung, wo die Bauern sind. Wer den Darmstädter Wochenmarkt am Marktplatz kennt, weiß, dass für Entwicklung viel Luft nach oben ist. Eine Kleinmarkthalle nach Frankfurter Vorbild mit frischen und gesunden Produkten aus der Region klingt in der politischen grünen Stadt immer noch nach Utopia.

          Weg zur Ökomodellregion

          Der Weg zur Ökomodellregion ist zwar zunächst ein ministerieller Verwaltungsakt, wird aber nur funktionieren, wenn daraus eine kleine Bürgerbewegung wird. Denn einen großen Fördertopf stellt das Land nicht zur Verfügung. „Wir werden Sponsoren für die einzelnen Projekte brauchen“, sagt Kathrin Thielmann. Die Industriekauffrau studierte Ökotrophologie, arbeitete dann mehrere Jahre im Produktmanagement des Bio-Lebensmittelhändlers Alnatura und bildet zusammen mit Klitzing und der Hotelfachfrau und Öffentlichkeitsarbeiterin Alexandra Hilzinger den organisatorischen Kopf der Modellregion. Im Landratsamt von Darmstadt-Dieburg lautet ihre informelle Dienstbeschreibung „Unsere drei Ökos“.

          Die drei Manager der Ökomodellregion werden unterstützt von Thomas Fischbach, dem Leiter der Abteilung Natur-, Gewässer- und Bodenschutz und Landschaftspflege in der Kreisverwaltung. Finanziert werden die „drei Ökos“ durch einen Personalkostenzuschuss des Landes in Höhe von 50. 000 Euro auf zwei Jahre verteilt. Dann wird bilanziert. Das Ziel ist schon heute klar: „Wir wollen nach zwei Jahren in die Verlängerung gehen“, sagt Fischbach.

          Die Region Südhessen hat beim Biolandbau in Hessen nicht die Nase vorn. Sie muss aber auch nicht bei null anfangen. „Wir können verborgene Schätze heben und müssen nicht alles neu erfinden“, sagt Fischbach. Tatsächlich ist in den Arbeitsgruppen im vergangenen Jahr einiges an Schätzen gehoben worden. Die Zahl der Leuchtturmprojekte ist vergleichsweise groß. Sie reicht von Umweltbildung und einem digitalen Marktplatz für Gastronomen und Erzeuger über die Bildung von Pilotbetrieben etwa im Spargelanbau, die auf den Einsatz von Folien verzichten, über Kooperationen für einen Maschinenring bis hin zum Aufbau einer „Nährstoffbörse“. Gemeint ist damit die Option für Landwirte, sich – bildlich gesprochen – einen gemeinsamen Misthaufen anzulegen. Wer zu wenig für seine Felder hat, könnte sich dort bedienen und damit den Hof des Landwirts entlasten, der nicht weiß, wie er seinen überschüssigen Mist sinnvoll entsorgen soll.

          Gesicherte Zahlen fehlen

          Gesicherte Zahlen über den Stand der Ökolandwirtschaft in Südhessen, die einen regionalen Vergleich erlauben, gibt es nicht. Was laut Thielmann auch daran liegt, dass die Wertschöpfungskette nicht ökologisch geschlossen ist. Ein Milchbauer mag zwar ökologisch Milch produzieren, wenn diese aber den Weg über eine herkömmliche Molkerei nehme, deren Arbeitsabläufe nicht auf Bioprodukte abgestellt seien, falle das Biosiegel weg. „Wir haben einige Bauern in der Region, die produzieren Biomilch, fahren damit aber zu einer Molkerei bis nach Bayern“, sagt Klitzing. Nicht viel anders gelagert sei es beim Biofleisch. Eine Lösung könnte die Gründung von örtlichen Erzeugergenossenschaften oder Vertriebsgemeinschaften sein.

          Es wird also viel zu diskutieren geben auf der Auftaktveranstaltung zur Ökomodellregion am 29. März in Reichelsheim von 12.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Nach zwei Vorträgen und der Präsentation der Organisationsstruktur wird ein Fachbeirat bestimmt, der sich zur Hälfte aus den Sprechern der Projektgruppen und aus direkt zu wählenden Vertretern zusammensetzt. Anschließend stellen sich die Projektgruppen vor. Für sie hat Fischbach einen Vorschlag, der aus der Praxis eines Verwaltungskenners gespeist ist: „Je konkreter die Projekte, desto leichter die Förderung.“

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