https://www.faz.net/-gzg-94bvp

Mainzer Bibelturm : Melange aus Markt und Museum

Abstimmungsreif: In Mainz sollen die Bürger über den Bau des Bibelturm am Gutenberg-Museum entscheiden. Bild: dpa

Dass die Mainzer Bürger über den Bau des Bibelturms entscheiden, das steht fest. Aber wie genau soll die Frage lauten?

          3 Min.

          Dass die Frage kommt, steht seit Mittwochabend fest. Nur noch nicht wann und wie genau die Wortwahl sein wird, die es den Mainzern ermöglichen soll, über die umstrittenen Pläne für einen Bibelturm auf dem Liebfrauenplatz mit eindeutigen Ja oder Nein abzustimmen. Bis Januar dürfte die von der Verwaltung zu erarbeitende Formulierung für den ersten Bürgerentscheid in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt vorliegen.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Etwa drei Monate später könnte es dann soweit sein, dass die Bürger zu den Wahlurnen gerufen werden, um über die nächsten Schritte bei der seit Jahren diskutierten Modernisierung und Erweiterung des Gutenberg-Museums zu befinden, was nach einer ersten groben Schätzung des Oberbürgermeisters, Michael Ebling (SPD), rund 250.000 Euro kostet. Aus Sicht des Stadtrats scheint das jedoch gut angelegtes Geld zu sein, falls sich die aufgeheizte Stimmung in Mainz durch eine solche Abstimmung tatsächlich beruhigen ließe; und man den eigentlich als „Leuchtturm“ und „neues Wahrzeichen“ gedachten Bibelturm so von dem Makel befreien könnte, ungewollt zu sein.

          Nur der erste Schritt zur teuren Aufwertung

          Das knapp 23 Meter hohe Bauwerk mit außergewöhnlicher Bronzefassade, in dem später die kostbaren Gutenberg-Bibeln aufbewahrt werden sollen, wäre nur der erste Schritt einer insgesamt noch weitaus teureren Aufwertung des „Weltmuseums der Druckkunst“, das bisher aus drei miteinander verknüpften Solitären besteht: dem 1927 bezogenen und bereits sanierten Haus „Römischer Kaiser“, dem nach dem Architekten Rainer Schell benannten und 1962 hinzugefügten „Schellbau“ sowie dem im Jahr 2000 geschaffenen Anbau jenseits der Seilergasse, der den Druckladen beherbergt. Für das komplette Areal wird eine grundlegende Neuordnung angestrebt.

          Allerdings gibt es bisher kein beschlossenes Gesamtkonzept und auch keinen Zeitplan für die einzelnen Bauabschnitte: also etwa den Schellbau aufzustocken, den Innenhof zu überbauen und eine neue Verbindung zur Rotekopfgasse herzustellen. Außerdem steht die Finanzierung für das ganze Um- und Ausbauvorhaben noch nicht, das Schätzungen zufolge leicht einen mittleren zweistelligen Betrag kosten dürfte.

          Realisierung bisher nur als Computersimulation

          Nur der von den Planern mit etwa fünf Millionen Euro veranschlagte Bibelturm hat als Siegerentwurf eines europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs schon Gestalt angenommen; wenngleich bisher nur als Computersimulation. Für die Realisierung der vom Hamburger Büro DFZ Architekten entwickelten Idee sprach sich der Mainzer Stadtrat am 8. Februar, so wie zuvor weitere kommunale Gremien, mit großer Mehrheit aus. Doch trotz mehrerer öffentlicher Vorträge und Führungen zum Thema kippte im Laufe des Spätsommers die Stimmung. Weil in der Stadt nach und nach jene Stimmen lauter wurden, die sich für den Erhalt des Platzes und dreier nahe an der Hauswand des „Römischen Kaisers“ stehender Platanen stark machten.

          Der von einer Initiative geforderte Bürgerentscheid über den Bibelturm fand am Ende die Unterstützung von fast 10.000 Mainzern. Was nach Ansicht der Turmbefürworter nicht zuletzt auch damit zusammenhängen könnte, dass vor allem auf dem Wochenmarkt und rund um das Marktfrühstück Unterschriften gegen das Projekt gesammelt worden seien. Und die Besucher dieser beiden sehr beliebten Freiluftveranstaltungen könnten durch das Bauvorhaben zumindest zeitweise von angestammten Plätzen vertrieben werden.

          Forderung des Bürgerentscheids formal zu spät

          Letztlich kam die von der Bürgerinitiative erhobene Forderung, die Mainzer selbst entscheiden zu lassen, ohnehin zu spät. Denn die Gemeindeordnung schreibt für die Beantragung von Bürgerentscheide, die sich auf konkrete Stadtratsbeschlüsse beziehen, eine Frist von maximal vier Monaten vor. Diese war im Oktober ja bereits um vier Monate überschritten. Gleichwohl waren sich alle Ratsfraktionen darin einig, dass man den Wunsch von fast 10.000 Mainzern nicht „wegen eines Formfehlers“ einfach so vom Tisch wischen könne.

          Unterschiedliche Vorstellungen gab es im Rat bei der Frage, wie genau die Frage an die Bürger denn nun formuliert sein soll: ÖDP und Freie Wähler wollten die Vorgabe der mit ihrem eigenen Antrag gescheiterten Bürgerinitiative übernehmen. Was ebenso wenig mehrheitsfähig war wie der nach Ansicht vieler Redner „zu suggestive“ CDU-Vorschlag, ob die Bürger denn nicht auch eine „attraktivitätssteigernde Erweiterung des Gutenberg-Museums“ durch den Bibelturm“ haben möchten. Am Ende wurde vom Rat die Variante des Ampelbündnisses präferiert, bei der von SPD, Grüne und FDP bewusst keine feste Formulierung vorgegeben worden war. Was Gegner des Projekts befürchten lässt, dass womöglich „noch getrickst“ werden könnte.

          Oberbürgermeister Ebling verbindet mit dem Bürgerentscheid derweil den Wunsch, dass sich die Mainzer in den nächsten Wochen noch intensiver als bisher mit der Zukunft des jährlich von fast 130.000 Interessierten aufgesuchten Weltmuseums beschäftigen werden. Er hoffe auf eine Entscheidung, die Gräben überwinde und Frieden stifte. Seiner Meinung nach „geht ein echter Meenzer ohnehin sowohl zum Marktfrühstück als auch ins Gutenberg-Museum“.

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Abwahl Brandners : Hetzen als System

          Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.
          Baukräne stehen auf einem Baugrundstück neben neugebauten Wohnhäusern in Köln.

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.