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Teilchenbeschleunigeranlage : Hessens kosmischer Kreisverkehr

Was die Welt im Innersten zusammenhält: Hier wird danach gesucht werden. Bild: Cornelia Sick

Heute 400 Arbeiter, nächstes Jahr 1300: Der Bau der internationalen Teilchenbeschleunigeranlage Fair in Darmstadt kommt gut voran. 2025 sollen die ersten Experimente stattfinden.

          5 Min.

          Der Darmstädter Ortsteil Wixhausen hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit der einsamen Insel, auf dem die amerikanische Schauspielerin Jessica Lange 1976 in der Neuverfilmung von „King Kong“ dem unheimlichen Herren dieses Eilandes begegnete. Aber wer auf dem Boden der Baustelle von SIS 100 steht, dem kommt unweigerlich der Gedanke, hier könne das Eingeborenendorf gelegen haben, dass sich vor dem Riesenaffen durch eine gewaltige Palisadenwand zu schützen versuchte. 17 Meter hohe Stützwände aus Metall und Holz ragen hinauf in den regenverhangenen Wixhäuser Himmel. Die Arbeiter, die unten auf dem Boden Metallgitter und Beton verarbeiten, wirken vor dieser Kulisse so unscheinbar wie Ameisen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Das archaische Bild trügt natürlich. Die Großbaustelle für die internationale Teilchenbeschleunigeranlage Fair stellt nicht die Kulisse für eine Reise in die Vergangenheit dar, sondern ein Versprechen auf die Zukunft wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Die Geheimnisse, die in einigen Jahren Physiker aus aller Welt in Darmstadt zu lüften hoffen, zielen statt auf filmreife Kreaturen auf den schwer sichtbar zu machenden Zustand der kosmischen Materie ab. Wie er zum Beispiel in einem Neutronenstern herrscht, der nach einer Supernova entstanden ist und eine Dichte aufweist, die alle Dimensionen auf der Erde sprengt. Damit das Universum experimentell nach Südhessen geholt werden kann, muss zunächst aber SIS 100 betriebsbereit sein. So lautet die Bezeichnung für den Teilchenbeschleuniger-Ring mit einem Durchmesser von 1100 Metern, in dem in ein paar Jahren Ionen fast Lichtgeschwindigkeit erreichen sollen.

          Spatenstich vor zwei Jahren

          Der symbolische erste Spatenstich für das Bauvorhaben des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung und der Fair GmbH, an der neben Deutschland acht weitere Nationen Gesellschafter sind, fand vor fast genau zwei Jahren statt. An der Zeremonie war auch Jörg Blaurock beteiligt. Damals stand der Technische Geschäftsführer genau dort, wo heute in 17 Meter Tiefe Arbeiter die Bodensohle des Ringbeschleunigers ausbetonieren. Die ersten 25 Meter des Tunnels sind inzwischen fertiggestellt. In den anderen Abschnitten entstehen Verschalungen und Bewehrungen. Aber nicht nur am Herzstück des Beschleunigerzentrums wird gearbeitet.

          Auf der 20 Hektar großen Baustelle, die sich nördlich direkt an das bestehende GSI-Zentrum anschließt, sind im Moment Arbeiter auch dabei, die Grube für das „Kreuzungsbauwerk“ fertigzustellen, quasi das Weichenstellwerk für den künftigen Wixhäuser Teilchenverkehr. Fair ist die Bezeichnung für einen ganzen Komplex aus unter- und oberirdischen Beschleuniger- und Experimentierbauwerken, Laboren, Betriebs- und Versorgungsbauten – alles in allem 20 Gebäude, die vom Ringbeschleuniger künftig jederzeit „beliefert“ werden sollen.

          Im Moment arbeiten 350 bis 400 Arbeiter auf der Großbaustelle. Schon nächstes Jahr werden es bis zu 1300 sein. Die Dimensionen, um die es geht, zeigen einige Vergleiche: Für Fair ist so viel Erde zu bewegen wie beim Bau von 5000 Einfamilienhäusern, es wird achtmal so viel Beton verbaut wie einst für das Frankfurter Fußballstadion sowie 60.000 Tonnen Stahl, was neun Eifeltürmen entspricht.

          Darmstadts teuerster Flecken Erde

          „Unser Projekt macht große Fortschritte“, sagt Blockrock, der einmal Bundeswehroffizier war. Nun koordiniert er als eine Art „Baustellengeneral“ mit einem Team von Mitarbeitern das tägliche Leben auf Darmstadts teuerstem Flecken Erde – von der Auftragsvergabe und Logistik bis zu den Einsatzterminen. Dass der Präzisionsgrad enorm ist, zeigt eine Kartenwand, auf der für jede beauftragte Firma die Einsatzzeiten verzeichnet sind – bis hin zur Angabe, wann wer welchen Bauabschnitt betreten und welche Tür zur Anlieferung benutzen darf. Einen hohen Präzisionsgrad hat inzwischen auch die Kostenkalkulation erreicht. Die musste in der Vergangenheit immer wieder angepasst werde, zuletzt vor wenigen Wochen mit einem Aufschlag von 850 Millionen Euro auf die Planzahlen von 2015. Die lagen bei 1,6 Milliarden Euro Gesamtkosten.

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