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„Bau“ aus Lehm im Mousonturm : In der freundlichen Höhle

Eine angenehme Grotte für eine neue Theatergemeinschaft: Der Große Saal des Frankfurter Mousonturms wird zum „Bau“. Bild: Wonge Bergmann

Geerdete Gefühle: Der Frankfurter Mousonturm baut mit Lehm gegen die Corona-Krise an. Der „Bau“ soll Theater trotz Einschränkungen möglich machen – und ist gleichzeitig ein künstlerisches Experiment.

          4 Min.

          Alles ist anders. Das fängt schon mit dem Geruch an. Jedes Theater hat seinen eigenen, aber alle Theater riechen immer nach Theater. Der Frankfurter Mousonturm nicht mehr. Der riecht jetzt nach Erde, Holz und Stroh, nach etwas feuchter Brise und gemahlenem Stein. Eine traditionelle Bühne gab es im Künstlerhaus an der Waldschmidtstraße zwar sowieso selten – aber nun ist die gesamte Black Box verschwunden. In den Großen Saal zieht der „Bau“ ein, ein Haus im Haus mit sanft gebogenen Wänden aus Holz, Schilfrohr und duftendem, kühlem Lehm. Ein bisschen, als spüre man den Atem des Lehms, findet Intendant Matthias Pees.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Da könnte etwas dran sein. Schließlich spricht Karl-Heinz Pritzl von den „kuriosen Geheimnissen des Lehms“, ja sogar von Magie. Wie sonst könnte es zu erklären sein, dass die meisten Leute, wenn sie vor einer Lehmwand stehen, fast automatisch die Hand ausstrecken, um über die Oberfläche zu streichen? Weil es sich gut anfühlt eben.

          Die Liebe zum Material hat aus dem einstigen Schriftsetzer Pritzl vor fast 30 Jahren einen Lehmbauer gemacht. Das gehe den meisten Kollegen so, sagt er. Normalerweise renoviert Pritzl Fachwerkhäuser, restauriert und baut seit einigen Jahren auch immer mehr moderne Holz-Lehmhäuser. Ein Theater hat er noch nie gebaut. Im Prinzip sei es wie ein Holzhaus, nur die Baurichtung sei anders, sagt er gelassen. An einem „Wolkenkuckucksheim“ hätte er nicht mitgebaut. Aber nach den ersten Gesprächen, für die er aus Otterberg bei Kaiserslautern nach Frankfurt kam, war ihm klar: Die meinen das ernst, die Sache hat Hand und Fuß.

          „Ein besonderes, neues Raum- und Theatererlebnis“

          Und weil der Vollblut-Handwerker Pritzl glaubt, „nur Kunst und Kultur können uns retten“, steht er jetzt mit Kelle und einem Eimer Lehm oben, wo später die Techniker Licht und Ton bedienen werden, und ummantelt eine der letzten Fensterlaibungen. Die großen Flächen werden mit einer Putzmaschine behandelt, einem Ungetüm aus den sechziger Jahren, das in den vergangenen Tagen gut zu tun hatte: In drei Wochen haben Pritzl, seine Söhne und Mitarbeiter den „Bau“ hochgezogen. Vor ihm liegt ein ganzes Wochenende Endspurt, in der letzten Augustwoche wird die Technik eingepasst, je zwei Stühle und eine kleine Ablage kommen in jede Loge – und dann gibt es zur Eröffnung am 3. September die Performergruppe Gob Squad. Die macht aus ihrer Performance „Show Me A Good Time“ eine Frankfurter Fassung, im Rund gespielt. Zur Mitte des Saals hin öffnen sich hier und da uneben rundliche Logen, an manchen Stellen sind Schilfrohrmatten zu sehen, die verputzt werden.

          Acht Tonnen Lehm wird Pritzl insgesamt verbauen, noch knapp zwei Tonnen bräunlicher feuchter Lehm lagern, verpackt als riesige Kuben, dort, wo bald die Bühnenmitte sein wird. 38 Zuschauer werden, paarweise, von den Logen aus zusehen können – und einander sehen. 45 Minuten vor der Vorstellung geht es los, mit Einlass auf Abstand, Getränke werden am Platz serviert, auch kleine Speisen soll es geben und ein individuelles Einführungsprogramm in den jeweiligen Abend. Was exklusiv klingt, soll mit gestaffelten Preisen allen offenstehen, nur planen muss man vorausschauend – weil es so wenige Plätze gibt.

          Liebt Kunst und seinen Werkstoff: Lehmbauer Karl-Heinz Pritzl Bilderstrecke
          „Bau“ aus Lehm im Mousonturm : In der freundlichen Höhle

          „Wichtiger als die Zuschauerkapazität war uns dabei, in diesen defizitären, angsterfüllten Zeiten ein besonderes, neues Raum- und Theatererlebnis zu schaffen, das beim Publikum zugleich ein Gefühl von Überraschung und Euphorie, aber auch von Sicherheit, vielleicht sogar Geborgenheit erzeugt“, sagt Pees. Ein wenig Abhilfe schafft die neue Programmplanung: „Die Stücke, die wir sonst im Mousonturm nur zwei- oder dreimal spielen, zeigen wir jetzt eben fünf- bis zehnmal. Manche übertragen wir auch parallel im Digitalen Mousonturm.“

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