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Eintracht Frankfurt : Mit Mut zum Risiko

Vergangenheit: Die Eintracht hält Szabolcs Huszti für entbehrlich. Bild: AFP

Die Eintracht glaubt auf Szabolcs Huszti verzichten zu können – der Ungar ist auf dem Sprung nach China. Sein Abschied könnte Aymen Barkok zum Durchbruch verhelfen.

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          Aus dem Blick aufs Konto gewinnen manche Fußballspieler einen großen Teil ihrer Motivation. Szabolcs Huszti hat in den zwölf Monaten, in denen er bis heute in Frankfurt unter Vertrag stand, nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihm die finanziellen Aspekte seiner Arbeit besonders wichtig sind. So gesehen lässt sich auch die sich abzeichnende Trennung seiner Kurzzeitbeziehung mit der Eintracht verstehen. Die Frage ist nicht mehr, ob der Ungar den Klub verlässt – sondern nur noch, wann sein Abschied auch offiziell verkündet wird.

          Er brach am Donnerstag nach China auf, um wieder dort anzuheuern, wo er schon einmal ein Auskommen gefunden hatte: Der Changchun Yatai Football Club, beheimatet in der gleichnamigen Provinz rund vierhundert Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt, unterbreitete dem Mittelfeldspieler eine üppig dotierte Offerte, mit der er dem Vernehmen nach, sollte es zu einer Einigung kommen, sein Gehalt verdreifachen kann. Bei der Eintracht belief sich sein monatliches Salär auf eine sechsstellige Summe.

          Unterstützung und Vertrauen

          Huszti, der anfangs in Frankfurt nur schwer Tritt fasste, zählte danach im erfolgreichen Kampf gegen den Abstieg und in der Hinrunde dieser Saison zu den Leistungsträgern des Teams; in 15 Partien gelangen ihm zwei Treffer und zwei Vorlagen. In den vergangenen Wochen konnte er wegen einer Achillessehnenreizung lediglich eingeschränkt trainieren. Dass der obligatorische Medizin-Check bei den Asiaten keine unüberwindbare Hürde für ihn darstellt, ließ Huszti, der auf Außenstehende oft unnahbar wirkt, erkennen: Von den Mannschaftskollegen und Mitgliedern aus dem Betreuerstab des Tabellendritten verabschiedete sich der 33-Jährige bereits. Die Wechselfrist in der Chinese Super League endet Ende des Monats. Der Trennungsschmerz der Hessen dürfte gelindert werden, weil sie mit einer Ablöse rechnen können, die mehrere hunderttausend Euro betragen sollte. Geld, das frei wird, um es bei Bedarf in die Kaderplanung für die nächste Runde zu stecken.

          Trainer Niko Kovac ließ oft ein Faible für den nur 1,73 Meter großen Weltenbummler erkennen, der nach seinem Weggang aus der Heimat auch in Hannover, beim FC Metz in Frankreich und bei Zenit Sankt Petersburg in Russland anheuerte: Er schätzte seine Übersicht und Ruhe an der Kugel, wenn im Mittelfeld auf engstem Raum Handlungsschnelligkeit gefragt war. Dass die Eintracht Husztis Wunsch nach einem vorzeitigen Ausstieg aus der bis Ende Juni befristeten Zusammenarbeit nicht abschlägig beschied, hat unter anderem auch damit zu tun, dass der Trainer glaubt, aus Bordmitteln die Vakanz füllen zu können. In den vergangenen Tagen und Wochen entpuppte sich Aymen Barkok als strebsames Talent, das ehrgeizig aber überhaupt nicht ehrfürchtig auftrat.

          Zukunft: Aymen Barkok gilt als möglicher Nachfolger für Huszti.
          Zukunft: Aymen Barkok gilt als möglicher Nachfolger für Huszti. : Bild: Jan Huebner

          Während Huszti auf der Position vor der Viererkette mit Routine seine Aufgaben löste und sich auf der Schlussgerade seiner Karriere befindet, steht der 18-Jährige noch ganz am Anfang einer Laufbahn, von der Kovac meint, sie könne glanzvoll verlaufen. Dass der gebürtige Frankfurter, der wie Jermaine und Steffi Jones in der Nordweststadt groß wurde, bei der SG Praunheim und Rot-Weiss erste Schritte unternahm, dann bei den Offenbacher Kickers ausgebildet wurde, ehe er 2013 einen Platz im Eintracht-Leistungszentrum ergatterte, so schnell den Sprung in die Bundesliga schaffen würde, hat viel mit der Unterstützung und dem Vertrauen zu tun, dass er bei Kovac genießt.

          Nachrücker gesucht

          Barkok ist trotz seiner Größe (1,88 Meter) ein außergewöhnlich begabter Dribbler, dessen Beweglichkeit und Ballbehandlung selbst im Sprint nichts an Geschmeidigkeit verlieren. So löste er auch seine ersten Bewährungsproben mit Chuzpe und Courage, düpierte dabei im Zweikampf den Dortmunder WM-Star Mario Götze oder unlängst beim Erfolg auf Schalke den königsblauen U-21-Auswahl-Kapitän Leon Goretzka. Das Fachabitur hat Barkok in der Tasche, seinen ursprünglichen Plan, an der FH zu studieren, stellte er aufgrund der sportlich positiven Entwicklungen vorerst hinten an. Seinem Berater, der auch Marius Wolf (den jüngsten Eintracht-Zugang) berät, gelang es, für Barkok im Oktober einen bis Mitte 2020 gültigen Kontrakt auszuhandeln.

          „Der Junge geht einen tollen Weg“, lobte Fredi Bobic auf der Mitgliederversammlung den Aufsteiger. Der Sportvorstand wertete Barkoks Entwicklung als Indiz einer zielgerichteten Förderung am Riederwald und schloss seinem Lob die Ankündigung an, dass er „viel Potential“ und Kandidaten in den Jugend-Teams sehe: „Es wird noch mehr geben.“ Ein bisschen mehr Lokalkolorit, das klingt aus solchen Äußerungen heraus, stünde nach Ansicht der Macher der derzeit so stark wie nie international geprägten Eintracht wohl nicht schlecht zu Gesicht: Die Fraktion der Eigengewächse sucht – nach den Abgängen von Sonny Kittel (Ingolstadt), Luca Waldschmidt (HSV), Enis Bunjaki (Enschede) und Joel Gerezgiher (Kiel) – jedenfalls nach Nachrückern, die sich an der Entwicklung Barkoks ein Beispiel nehmen und ihm nacheifern könnten. Huszti, der zuletzt einen Platz besetzte, stünde ihnen dabei wohl nicht mehr im Weg.

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