https://www.faz.net/-gzg-6uf20

Banken-Krise : Schweigen gehört am Finanzplatz zum guten Ton

Anonyme Bankengegner: Ihr Erkennungszeichen ist die Guy-Fawkes-Maske. Der Verschwörer Fawkes wollte 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen. Bild: Röth, Frank

Abermals eine Krise - und wieder verschanzen sich die Bankerin ihren Türmen.

          Um das Große und Ganze geht es sonst bloß in der Europäischen Zentralbank selbst. Die Rettung Griechenlands, des Euro, ja Europas - keine Aufgabe ist zu gigantisch für die gutbezahlten Mitarbeiter in dem Turm am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt. Seit Samstag geht es um das Große und Ganze aber auch auf der Parkanlage davor. „Gutes Leben statt Profit“ schlagen Protestierer auf einem Plakat vor, „unser Finanzsystem ist Betrug am Volk“, haben sie herausgefunden, und überhaupt fordern sie kurzerhand eine „geldfreie Welt“.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Doch sie fordern all dies am falschen Ort. Die EZB ist überhaupt keine der Banken, die angeblich schon wieder Deutschland, Europa oder wahlweise die Welt in den Abgrund reißen, und zum Bankenviertel lässt sich die Wiese nebenan nur mit einigem Wohlwollen rechnen. So bleiben die Banker und die Protestierer auch an diesem Montag unter sich. Die einen verbringen die Mittagspause an der Freßgass’, die anderen wärmen sich an einem Feuer auf dem Gehweg zur Kaiserstraße. Die Wege der Banker und der anderen Bürger, sie kreuzen sich nicht, und das nicht einmal in Frankfurt, dem kleinsten aller Finanzplätze von Weltrang.

          Stellungnahmen wurden vermieden, solange es nur ging

          Es wäre ja leicht zu ändern. 5000 Menschen sind am Samstag in Frankfurt auf die Straßen gegangen, das waren nicht wirklich viele, aber angesichts des gewaltigen Medienechos auch wieder nicht so wenige, als dass man in den Konzernzentralen darüber hinwegsehen sollte.

          Allerdings gehört am Finanzplatz Frankfurt schon länger nicht Reden, sondern Schweigen zum guten Ton. Während der Bankenkrise 2008, nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, waren die Vorstände monatelang auf Tauchstation gegangen. Stellungnahmen wurden vermieden, solange es nur ging. Die Stadt traute sich nicht, zum jährlichen Bankenabend einzuladen, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich zuvor auch schon einmal Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Römer hatten blicken lassen. In den Talkshow wurde über Banker geredet, Tag für Tag - aber nicht mit ihnen.

          So überrascht es nicht, dass auch die neuerliche Krise in Frankfurt nicht stattfindet

          Und so ging es weiter. Dass über die Folgen der Börsenfusion mit New York, ein Einschnitt in die Wirtschaftsgeschichte Frankfurt sondergleichen, wenigstens hin und wieder diskutiert wird, verdankt der Finanzplatz dem rührigen Landtagsabgeordneten Ulrich Caspar (CDU) und dem SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel; aus den Banken war kaum je ein Wort dazu zu hören.

          So überrascht es nicht, dass auch die neuerliche Krise in Frankfurt nicht stattfindet - scheinbar, denn natürlich sitzen mit der Deutschen Bank, der Commerzbank, der DZ Bank und der Helaba hier Kreditinstitute, die mitten im Geschehen sind, die Griechenland oder anderen Ländern im Süden Europas Millionen oder sogar Milliarden geliehen haben.

          Auch als Mäzene tätig

          Doch wer zum Beispiel am Montag bei der Deutschen Bank nach einer Stellungnahme zu den Protesten in Frankfurt fragte, wurde bloß auf Reden Ackermanns zur gegenwärtigen Krise verwiesen, namentlich die bei einem Kongress der Deutschen Bank am Donnerstag, in der sich ihr Vorstandsvorsitzender in der Tat differenziert mit der Krise, auch mit der verbreiteten Banken- und Kapitalismuskritik befasst - in Berlin, auf einer Veranstaltung des eigenen Hauses, vor Unternehmern. Nicht viel anders wird es in einigen Wochen auch wieder in Frankfurt verlaufen. Bei der Euro Finance Week wird die Branche vom 14. bis zum 18.November über Risk Management diskutieren, über Retail Banking und Wealth Management, und sie wird unter sich bleiben.

          Gerade diese Abschottung befördert eine Sichtweise, die von der Illustrierten „Stern“ in der vergangenen Woche in der Schlagzeile „Bürger gegen Banker“ zusammengefasst wurde, als gehörten die deutschen Banken nicht auch Bürgern (allerdings nicht zwangsläufig Deutschen), arbeiteten dort nicht auch Bürger, allein um die 70.000 in Frankfurt, als seien nicht auch die Banken vielfach nach bestem bürgerlichem Verständnis mäzenatisch tätig, auch und gerade in der Stadt am Main.

          Sie hätten durchaus Argumente

          Vielleicht wäre kein Schweigen zu beklagen, hätte der Finanzplatz einen Sprecher, der sich ins Getümmel werfen würde, wenn die Frankfurter Leitbranche wieder einmal hart angegangen wird. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer hatte diese informelle Funktion in seinen besten Jahren besetzt, doch einen richtigen Nachfolger hat es nie gegeben, wie auch die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance keineswegs die Hoffnungen erfüllt hat, die sich mit ihrer Gründung verbanden. Es laufen allerdings auch die Interessen der Banken seit der Krise 2008 stärker auseinander als in früheren Jahren, weil sich ihre Geschäftsmodelle stärker denn je unterscheiden.

          So verschanzen sich die Banker hinter Glasfassaden vor einer zunehmend feindlichen Umwelt, obwohl sie eigentlich durchaus Argumente gegen die vielfach rührend naiven Protestierer in den Zelten vor der EZB bei der Hand hätten. Es war einmal so, dass Frankfurt Avantgarde war, auch in Debatte über die großen gesellschaftlichen Fragen, aber das Diskutieren setzt nun einmal voraus, dass man aus der Deckung kommt. Gegenwärtig wirkt mancher Bankturm eher wie ein Bergfried, der letzte Zufluchtsort, alle Brücken hochgezogen.

          Weitere Themen

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.