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Baltic Youth Philharmonic Orchestra : Wilder Weltreisender

Bild: Peter Adamik

Die soziale Funktion der Musik ist ihm wichtig. Deswegen engagiert sich Paavo Järvis jüngerer Bruder Kristjan als Chefdirigent des Baltic Youth Philharmonic Orchestra. Mit den jungen Musikern gastiert er heute in Wiesbaden.

          3 Min.

          Dass er der wilde Typ sei und sein Bruder Paavo der bedächtigere, mag Kristjan Järvi nicht so einfach gelten lassen: „Paavo ist auch ziemlich wild, nur älter.“ Geboren wurden die beiden gleichermaßen international bekannten Dirigenten-Brüder in der estnischen Hauptstadt Tallinn als Söhne des Pult-Altmeisters Neeme Järvi: Paavo 1962, Kristjan zehn Jahre später. Das Interesse von Paavo, der von 2006 bis 2013 Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters war und nun dessen „Conductor laureate“ ist, gelte allerdings ausschließlicher der klassischen Musik. Unterdessen versuche er selbst, die Grenzen zwischen Pop und Klassik einzureißen und die Genres wieder zusammenzuführen, sagt Kristjan Järvi. Zudem will er die Klassik von dem Image befreien, Musik nur für Gebildete zu sein, und sie wie „tägliches Brot“ für alle zugänglich machen.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bekannt für seinen dynamischen, oft tänzerischen Dirigierstil, macht er keinen Hehl daraus, dass er die klassische Musik populärer präsentieren möchte. Schließlich hätten viele klassische Komponisten ihre Inspiration ja auch aus der im Wortsinne populären Volksmusik gezogen. Im Gespräch mit dem Dirigenten wird schnell deutlich, wie wichtig ihm die soziale Funktion von Musik ist. Musik soll die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung positiv unterstützen.

          Nicht wichtig, woher man kommt

          Ein großes pädagogisches Vorhaben treibt ihn dabei seit einigen Jahren besonders um: das Baltic Youth Philharmonic Orchestra (BYP), mit dem er heute im Wiesbadener Kurhaus beim Rheingau Musik Festival zu Gast ist, möchte er nach und nach so erweitern und ausbauen, dass ein „Baltic Education System“ entsteht. Gegründet wurde das Orchester mit ihm als Chefdirigenten 2008 als gemeinsame Initiative des Usedomer Musikfestivals und der Nord Stream AG. Das auf der Ostsee-Insel beheimatete spätsommerliche Festival stellt jeweils einen Ostseeanrainerstaat in den Mittelpunkt: Deutschland, Polen, Russland, die baltischen und skandinavischen Länder inklusive Norwegens sind auch in dem Nachwuchsorchester vertreten. Bei Vorspielen werden die überwiegend noch in der Ausbildung befindlichen Musiker im Alter zwischen 18 und 30 Jahren jährlich neu ausgewählt.

          Stattliche 45 Konzerte hat das BYP seit 2008 inzwischen bestritten und dabei alle zehn Länder des Verbunds bereist. Die größte Erfahrung sei dabei nicht, dass sich junge Musiker aus verschiedenen Ländern begegneten, sagt Kristjan Järvi. „Wir sprechen nicht über unsere Unterschiede. Es ist nicht so wichtig, woher jemand kommt.“ Entscheidend seien vielmehr das „Teamwork“, das die geographischen Grenzen verschwinden lasse, und „die Inspiration, die wir gemeinsam und mit dem Publikum gewinnen“. Junge, optimistische Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern und zu „Leadern“ zu machen, die nicht in einer „Boutique-Welt“ leben und die später eigene Projekte anstoßen - das sind die Ziele des Dirigenten, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und den man, wie seinen Vater und seinen Bruder, einen Weltreisenden nennen kann.

          Mussorgski für Wiesbaden

          Anders als er selbst es während seiner schulischen Ausbildung gelernt habe, gehe es bei der Einschätzung, ob etwas richtig oder falsch sei, doch oft um etwas sehr Subjektives. Als Beispiel nennt Kristjan Järvi die Musik Modest Mussorgskis, die zu ihrer Zeit oft als dilettantisch oder „falsch“ kritisiert worden sei. Dabei mache gerade ihre Eigenwilligkeit ihre Genialität aus.

          Beim Wiesbadener Konzert werde deshalb Mussorgskis Konzertfantasie „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ in der Urfassung erklingen. Zu hören sind außerdem die Walzerfolgen und die Suite aus der Oper „Der Rosenkavalier“ des Jubilars Richard Strauss, dessen Musik Järvi als „flamboyant, neurotisch, exzessiv“ beschreibt und den er dennoch zu den „Top Five“ seiner Lieblingskomponisten zählt. Im Zentrum steht mit dem jungen polnischen Solisten Jan Lisiecki Griegs Klavierkonzert a-Moll op. 16, ein Werk, das den ganzen „Sound of Scandinavia“ in sich trage und dort viele Komponisten inspiriert habe.

          Große Pläne für die Musik

          Neben solch romantischem Repertoire will Kristjan Järvi mit dem BYP auch zeitgenössische Musik der Ostseeanrainerstaaten aufführen. Die Auswahl ist groß, denn gerade in den baltischen Ländern gibt es derzeit auffallend viele produktive Komponisten. Warum ist das eigentlich so? „Nun, es ist das Einzige, was wir haben“, sagt Järvi und lacht. Im Vergleich zu Deutschland, das ökonomisch und kulturell „ein unglaubliches Kraftwerk“ sei, stehe das Baltikum noch weniger stark da. Das fleißige Komponieren werde dort als Möglichkeit angesehen, Aufmerksamkeit zu bekommen und die Länder voranzubringen.

          Das große Ganze zu befördern ist eben auch Järvis Anliegen, zu dessen Lieblingsbegriffen das Wort „holistisch“ zu gehören scheint. Im „Baltic Education System“ soll es künftig drei Orchester verschiedener Altersstufen geben, eines davon schon für Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre. Dass das große Pläne seien, weist Järvi nicht von sich, jedoch: „Wenn Richard Wagner nicht groß gedacht hätte, hätten wir nicht all die großen Werke von ihm.“

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