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Bahnlärm : Forderungen nach Tempolimit und Nachtfahrverbot

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Lärm mobilisiert: So viele, wie noch nie, zogen am Samstag aus Protest gegen den Krach der Züge im Rheintal durch Rüdesheim. Bild: Sick, Cornelia

Mindestens 800 Bürger beteiligen sich an der zweiten Großdemonstration gegen Bahnlärm im Rheintal. Propst Rink mahnt die Bahn.

          Unter den erstaunten Blicken eifrig fotografierender japanischer Touristen sind am Samstag rund 1000 Demonstranten von der Rüdesheimer Rheinhalle bis zur Brömserburg gezogen, um bei einer Kundgebung auf dem benachbarten Parkplatz ihrem Unmut über den wachsenden Bahnlärm im Rheintal zwischen Rüdesheim und Koblenz Luft zu machen. Der Sprecher der Bürgerinitiative gegen Umweltschäden durch die Bahn, Willi Pusch, zeigte sich begeistert von der großen Resonanz und schloss daraus: „Das Problem ist erkannt“.

          Wie bei Demonstrationen üblich klafften allerdings auch in Rüdesheim die Angaben zu den Teilnehmerzahlen weit auseinander. Die Polizei sprach von rund 800 Teilnehmern, die Veranstalter von 1300, Landrat Burkhard Albers (SPD) gar von 1500 und damit von doppelt so vielen wie bei der Premiere im vergangenen Jahr. Damals bezifferte die Polizei die Zahl der Teilnehmer mit 650. Der Lorcher Bürgermeister Jürgen Helbing (CDU) äußerte am Rande der Veranstaltung, gemessen an der Bedeutung des Themas für die Region müssten eigentlich 50.000 Bürger gegen die unerträgliche Belastung auf die Straße gehen.

          „Moderne Folter“

          Die Polizei sicherte die Veranstaltung mit zahlreichen Beamten und hatte vor allem an den Bahnübergängen deutlich sichtbar Stellung bezogen - vermutlich um die Wiederholung einer Gleisbesetzung, die im Vorjahr den Zugverkehr für 45 Minuten behindert und für viel Ärger gesorgt hatte, von vorneherein zu unterbinden.

          Unter die Demonstranten hatten sich mehrere Landräte, viele Bürgermeister, einige Landtags- und Bundestagsabgeordnete aller Parteien und aus insgesamt sechs Landkreisen gemischt, ferner die Staatssekretärin im hessischen Sozialministerium, Petra Müller-Klepper, (CDU) sowie der rheinland-pfälzische Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD). Müller-Klepper nannte den Bahnlärm „moderne Folter“.

          Große Bürgerinitiative „Pro Rheintal“ nicht dabei

          BI-Sprecher Pusch sah in der Demonstration ein machtvolles Signal in Richtung Berlin und forderte ein Tempolimit von 50 Stundenkilometern für Güterzüge bei Ortsdurchfahrten, ein Nachtfahrverbot in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr und die unverzügliche Planung einer Neubautrasse abseits des Rheintals. „Der Güterfernverkehr muss raus dem Rheintal, eine Alternativtrasse rein in den Bundesverkehrswegeplan“, verlangte auch Landrat Albers, der die evangelische Kirche als neuen, wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Bahnlärm lobte.

          Der Probst für Süd-Nassau, Sigurd Rink, war neben dem Mainzer Innenminister Roger Lewentz (SPD) Hauptredner der Demonstration. Rink sagte, wenn die Ortskerne im Rheintal wegen des Bahnlärms verödeten, dann sei „etwas faul in der Region“. Auch das wirtschaftliche Handeln der Deutschen Bahn müsse in Übereinstimmung mit der Natur stehen: „Wer den Profit hat, muss auch für die Lasten aufkommen“, forderte Rink mehr Bewegung von der Bahn beim Lärmschutz und eine schnelle Umrüstung der Güterwaggons auf lärmmindernde Bremssysteme. Langfristig führe ohnehin kein Weg an einer Neubaustrecke vorbei. Dem stimmte auch Minister Lewentz vorbehaltlos zu und kritisierte die zögerliche Haltung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Die Demonstration sei ein machtvolles Zeichen, an dem auch die Entscheidungsträger in Berlin nicht einfach vorbeiregieren könnten.

          Die Einigkeit der Bahnlärmgegner war im Vorfeld allerdings getrübt worden, weil die große Bürgerinitiative „Pro Rheintal“ diesmal nicht als Mitveranstalterin aufgetreten war und der Politik eine zu große Einflussnahme auf die Bürgerinitiativen vorgeworfen hatte. Die Forderung nach einer Alternativtrasse wird von Pro Rheintal ebenfalls skeptisch gesehen, weil sie nicht die realistischen Möglichkeiten im Kampf gegen Bahnlärm berücksichtige und „Emotionen und Illusionen“ wecke. Notwendig seien vielmehr vor allem kurzfristige, schnell wirksame Maßnahmen.

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