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Bahnhofsviertel in Frankfurt : Party am Limit

Eng-Spaß: Die Straßen des Bahnhofsviertels werden am Donnerstagabend wieder besonders voll sein. Bild: Fabian Fiechter

Wenn nächste Woche die Bahnhofsviertelnacht steigt, werden wieder Tausende in den verruchten Stadtteil ziehen. Doch mittlerweile reift die Einsicht, dass die Veranstaltung ihre Grenzen erreicht hat.

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          Morgen wird es wieder viele lobende Worte über das Bahnhofsviertel geben. Wenn sich zur Mittagszeit ein Tross von Journalisten, angeführt von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), durch den kleinsten, aber lebendigsten Stadtteil bewegt, könnten aber auch kritische Fragen aufkommen. Die Gruppe soll erfahren, mit welchem Programm sich das Quartier am Donnerstag in der Bahnhofsviertelnacht präsentieren wird. Bei dieser Gelegenheit könnten auch die Schwierigkeiten zur Sprache kommen, die es mittlerweile mit dem Fest gibt.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit 2008 gibt es diese ungewöhnliche, aber erfrischende Form der Besichtigung eines ganzen Stadtteils. Mit beachtlichem Erfolg: Die Zahl der Besucher stieg stetig; offizielle Stellen nannten 30 000 und mehr Besucher, die das Viertel erkundeten. Die Grundidee ist bis heute die gleiche: In der Bahnhofsviertelnacht sollen sich Türen öffnen, die sonst der Öffentlichkeit mehr oder weniger verschlossen sind. Ziel ist, den Bürgern zu zeigen, „dass das Viertel ein ganz normaler Stadtteil ist“, wie es die Organisatoren vom Presse- und Informationsamt einmal ausdrückten. Böse Zungen haben es aber auch schon anders formuliert: Das Bild der Bordelle, Sexshops, zwielichtigen Bars und der Prostituierten, der Rocker und der Drogensüchtigen solle weichgezeichnet werden.

          Nur noch Party

          In schillernden Farben wird also gezeigt werden, was das Bahnhofsviertel ausmacht. Denn ungeachtet aller Gegensätze, die in dem rund 2500 Bewohner zählenden Quartier zutage treten, ist es wohl das internationalste und lebendigste Viertel der Stadt. Doch auch ihm kann eine solche Großveranstaltung zur Last werden. Kritiker im Quartier klagen, dass viele der Besucher nicht mehr wegen der Führungen, sondern wegen der Party auf der Straße kämen. Ein ruhiges Erkunden des Viertels sei kaum noch möglich. Um die Besucher noch lenken zu können und die Sicherheit in den Straßen zu gewährleisten, sei vor zwei Jahren erstmals der Verkehr ausgesperrt und die Straßenbahn umgeleitet worden.

          „Wir sind bemüht, den ursprünglichen Charakter des Fests zu bewahren“, sagt der Leiter des Presseamts, Nikolaus Münster. Dem Zeitgeist in Sachen urbaner Partys wolle man sich zwar nicht ganz verschließen, für die Bahnhofsviertelnacht gelte es aber, die Führungen und anderen kulturellen Angebote zu schützen, sagt Münster.

          Neue Auflagen für das Straßenfest

          Deshalb gebe es Änderungen: Die Großveranstaltung sei erstmals mit restriktiven Auflagen versehen worden. Livemusik dürfte etwa nur noch an fünf Standorten gespielt werden, auch sei festgelegt, zu welcher Uhrzeit die Musik lauter gestellt werden dürfte. Kontrollen sollen sicherstellen, dass nicht jeder Gastronom vor seinem Lokal Party mache, so sei es schon vorgekommen, dass Stände vermietet und Bands engagiert worden seien. Das Bahnhofsviertel und seine Anlieger sollten sich nicht inszenieren, sondern den üblichen Alltag präsentieren. „Mancher Wirt mag dies anders sehen“, die vielen Vereine und Einrichtungen, die am Fest mitwirkten, teilten aber die Auffassung, sagt Münster.

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          Wegen der Auflagen ist die Organisation nach Angaben von Münster erstmals an eine Agentur vergeben worden. Sie werde auch Kontrolleure für das Fest anheuern. Sie sollen auch erreichen, dass die Feiern tatsächlich um Mitternacht enden. Vergangenes Jahr sei etwa auf dem Karlsplatz noch bis in die Morgenstunden laut gefeiert worden, das müsse verhindert werden, sagt Münster. Der gestiegene organisatorische Aufwand sei mit mehr Ausgaben verbunden. Der diesjährige Etat betrage 70.000 Euro, davon kämen 40.000 Euro von Sponsoren. Ob damit alle Kosten gedeckt werden könnten, sei noch offen. Sicher sei aber, dass über eine neue Finanzierungsform nachgedacht werden müsse.

          Für viele Veranstaltungen Anmeldung nötig

          Dass das Quartier einmal ganz erkundet und entdeckt sein müsste, möchte man meinen; doch das Programm bietet auch diesmal neue Ansichten des Viertels und Blicke in die Kulissen. Lesungen, Führungen, Vorträge, Ausstellungen, Livemusik und gastronomische Angebote werden auch nächsten Donnerstag interessierten Nachtschwärmern an und auf den belebten Straßen des Viertels geboten. Die Nacht steht unter dem Motto „Ein Stadtteil vernetzt“.

          Rund 50 Vereine, Firmen, Läden, Ateliers und Lokale beteiligen sich, acht von ihnen zum ersten Mal, heißt es in der Ankündigung. Für etliche Programmpunkte ist wieder eine Anmeldung erforderlich, weil die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Aber auch für spontane Festbesucher gibt es einiges zu entdecken.

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